Beziehung zwischen Freiheit und Bestimmung

Silvia: Letztes Mal haben wir über die Gemeinschaft gesprochen. Dass die Gemeinschaft hilft, sich zu seiner Bestimmung hin zu entwickeln und dass, wenn wir einander lieben, Jesus in unserer Gemeinschaft gegenwärtig ist – damals, wie auch heute. In einer Gemeinschaft, in der man ernsthaft versucht, Jesus nachzufolgen, in der man sich bewusst ist, dass wir alle Geschöpfe unter Geschöpfen sind und dass Gott durch seine Schöpfung zu uns spricht – allerdings nur wenn wir aufmerksam und ehrlich ihr gegenüber sind und sie nicht vereinnahmen wollen und mit vorgefassten Urteilen ihr gegenüber sind – ,entwickeln wir uns zu unserer Bestimmung hin.

P. Rainer: Genau, und diesmal wollen wir uns über die Beziehung von Freiheit und Bestimmung unterhalten. Die Freiheit besteht nicht nur in der Möglichkeit zu wählen. In der Möglichkeit zu wählen ist die Freiheit noch nicht vollkommen.
Das Gesetz der Moral besteht darin, das in Freiheit zu wählen, was uns zur Bestimmung führt. Aber die Freiheit wählt oft etwas, das sie nicht zur Bestimmung führt, sondern der Bestimmung entzieht. Um die richtige Wahl zu treffen, braucht man eine Klarheit im Bewusstsein der Beziehung zu Christus, durch den alles ist, auf den hin alles ist und in dem alles Bestand hat.

Silvia: Hat Jesus gesagt, dass Er die Bestimmung des Menschen ist?

P. Rainer: Mir gefällt sehr, wie er Petrus nach seiner Auferstehung fragt: ‚Simon, liebst du mich mehr als diese da?‘ – Das ist der Höhepunkt der christlichen Moral, der Beginn und das Ende der christlichen Moral, denn Jesus verweist den Petrus nicht auf seine Fehler, sondern auf seine Bestimmung. Man neigt dazu, das zu wählen, was am meisten anziehend ist, d.h. die Emotion wiegt mehr als die Entsprechung mit der eigenen Bestimmung. Weil unsere Freiheit unvollkommen ist, kann Jesus ohne alle Anziehung erscheinen, die er für uns haben müsste.
Die Freiheit lässt uns zu etwas anderem hinstreben. Um zu verstehen, wie ER ist, muss man ihn gut kennen, bei Ihm sein, mit ihm leben. Dazu kommt: Je größer und würdiger das Objekt ist, mit dem wir in Beziehung treten, desto mehr kommt die Wunde der Erbsünde zum Vorschein, unsere große Schwäche.

Silvia: Ja wir sind nur Menschen. In meinen ‚Unterhaltungen‘ mit Jesus wird mir das immer wieder bewusst. Oftmals, wenn ich mich bei Jesus ‚beschwere‘ über dies oder jenes und dann so Jesus am Kreuz betrachte, sage ich sehr häufig –‚Ich weiß du hast viel mehr ertragen und getragen als ich, doch du bist Gott und ich nur ein Mensch, mit all seinen Schwächen und Fehlern.‘ Aber ich will in meinem Leben auf jeden Fall auf Christus zugehen.

P. Rainer: Für alles und alle gibt es nur eine einzige Bestimmung: Christus!
Das ist die Freiheit: Sich dem zuwenden, das dich zum Richtigen und Guten drängt. Und das, was dir dies ermöglicht, heißt Gnade. Gnade ist dein Charakter, deine Erziehung, deine Bildung, die Situation, die dir es ermöglichen, das Richtige und Gute zu wählen. Und das braucht alles viel Zeit! Aber auch wenn du diese Gnade erhalten hast – das heißt alle Voraussetzungen, um das Richtige und Gute zu wählen, kann deine Freiheit so widerspenstig sein, so rebellisch, so nihilistisch, so unruhig, so instinktiv, sie kann die Instinktivität, die immer im Innern ist, so lieben, dass sie ‚nein‘ zu all dem sagt, was dir dein Charakter, deine religiöse Vergangenheit und Bildung und die Gemeinschaft raten.
Dass du ‚ja‘ sagen kannst, ist die Folge einer vorausgegangenen Gnade und einer immanenten Gnade, d.h. einer Gnade, die dir im Augenblick der Situation, der Wahl des Vollzugs mitgegeben wird. Deine Fähigkeit besteht in diesem Augenblick in der an Jesus gerichteten Bitte um die Gnade, statt zu sagen: ‚Ich mach das schon! Ich kann das allein!‘ Das ist eine Anmaßung, die dir teuer zu stehen kommt.

Silvia: Jesus bei seinen Entscheidungen mit einbeziehen –wer macht das denn schon? Muss nicht jeder sein ‚Päckchen‘ selber tragen, Dinge für sich entscheiden und angehen und umsetzen? Muss man manche Dinge nicht allein machen? Da hilft einem doch niemand.

P. Rainer: Erinnerst du dich an unser letztes Thema – Gemeinschaft – ? Wir alle brauchen die Gemeinschaft, um unseren Weg zu unserer Bestimmung zu gehen, allein schaffen wir es nicht. Sicher trägt jeder, wie du sagst, sein ‚Päckchen‘, aber die Gemeinschaft, vor allem die Gemeinschaft mit Jesus, brauchen wir unbedingt, wenn wir unser Ziel – Christus – erreichen wollen. Es hilft nichts: Du musst auf deinen Weg Jesus vor Augen haben. Wenn du in deiner Seele verfügbar und Gott gegenüber aufmerksam bist, dann lässt er dich sehen, was für deinen Weg nützlich oder besser ist. Du musst immer die Außergewöhnlichkeit und Größe deiner Bestimmung sehen.

Silvia: Wie hat Jesus seine Freiheit verwirklicht, als er ungerechterweise umgebracht wurde?

P. Rainer: Indem er den Plan eines Anderen angenommen hat, der der Wille Gottes, seines Vaters, war. Wenn ich etwas Schweres akzeptiere, dann ist das also intelligent. Die anstrengende Arbeit, die es zu verrichten gibt, ist die Sendung, die dir von Gott anvertraut worden ist. Auch wenn diese Arbeit zum Tode führt, ist sie vernünftig, weil es dem Herzen entspricht, weil es dem Willen Gottes - der Einheit mit Jesus – entspricht. Wenn etwas dem Willen Gottes entspricht, so heißt das, dass es der eigenen Bestimmung entspricht, dass man auf dem Weg seiner eigenen Bestimmung ist. Was dich auf die Bestimmung zugehen lässt, ist vernünftig. Und diese Bestimmung ist das Geheimnis Gottes, ist Gott. Das Anhängen an die Bestimmung ist der Sinn eines jeden Schrittes, den du auf dem Weg machst. Jesus sagt: ‚Wer mir nachfolgt, wird das ewige Leben haben (und das ist die Bestimmung) und das Hundertfache hier auf Erden‘ Ganz glücklich wirst du auf Erden nie, höchstens zufriedener.

Silvia: Was bedeutet das Hundertfache hier auf Erden?

P. Rainer: Es bedeutet: Hundertmal mehr den Vater, die Mutter, den Bruder, die Schwester, den Freund, die Freundin …. lieben, hundertmal mehr die Schulkameraden lieben, alle, mit denen du lebst. Nachfolge heißt Freundschaft und Freundschaft heißt, die eigene Existenz in das Leben des anderen hineingeben. ‚Wer mir nachfolgt‘ heißt also: Wer seine Existenz in mich – in Jesus – hinein gibt, wer zu seiner Bestimmung hinstrebt, die ich bin, wird seine Bestimmung erreichen und wird das Hundertfache hier auf Erden erhalten.

Silvia: Das ist alles nicht so einfach, wie du es sagst.

P. Rainer: Die Blumen wachsen, ohne dass man sie sich bewegen sieht. Der Schritt der Entwicklung auf die Bestimmung hin ist unendlich klein, aber wenn du Augenblick für Augenblick auf deine Bestimmung zugehst, kommst du ans Ziel..

Silvia: Manchmal habe ich das Gefühl, dass es auch ’negative‘ Schritte gibt, nicht direkt Rückschritt, eher so etwas wie ein Verharren. Es ist mir schon oft passiert, dass ich etwas an meinem Verhalten, Denken und Fühlen entdeckt habe, das veränderungswürdig ist. Aber ich bekomme es trotzdem nicht hin, es zu ändern oder ich falle ganz schnell in alte Denkmuster zurück.
Wenn ich also für mich zum Beispiel erkannt habe, dass, auch wenn viel Negatives in meinem Leben geschehen ist, Gott es doch gut mit mir meint, denn schließlich gibt er mir auch viel Gutes, dann kommen doch in einer für mich sehr negativen Situation alte Denkmuster wieder. Es kommen Gedanken auf wie – ‚Klar doch, dass das mir passiert – Gott liebt mich eh nicht!‘

P. Rainer: Das ist eine große Versuchung. Was hätte Jesus mehr tun können, um dir seine Liebe zu zeigen als seine Kreuzigung und sein schrecklicher Tod? Das ist das Wichtigste: An seine ganz persönlich Liebe zu dir glauben. Wir müssen also in einem solchen Fall immer wieder von Vorn anfangen, an seine Liebe zu glauben und Ihm zu vertrauen. Jesus ist gekommen, um der Menschheit zu sagen, dass er sie unendlich liebt und für alles, was geschieht, gibt es ein letztes Ziel. Dieses letzte Ziel ist Gott. Jesus ist gekommen, um dem Menschen zu helfen, zu Gott zu finden.

Silvia: Ich denke, dass das was dem Menschen am schwersten fällt, die Bindung an Jesus ist. Die meisten Menschen denken: Was bringt mir das? Für das Kind bringt es einfach im Augenblick mehr, Fernsehen zu schauen als das Zimmer aufzuräumen, wenigstens scheint es ihm das im Augenblick so. Und der Erwachsene sagt, dass ihm das Geld mehr bringt als anderen zu dienen. Sagt er das nicht mit Recht?

P. Rainer: Vielleicht hat er nie erfahren, welche Freude es bringt, anderen Freude zu machen. Und vielleicht hat er sich auch nie richtig auf Jesus eingelassen. Und das steht am Anfang, wenn einer das Warum und wozu seines Lebens kennenlernen will: Er muss eine Erfahrung mit Jesus machen, muss ihm ins Angesicht schauen, eines seiner Worte konkret gelebt haben. Ohne das wird sich niemand an Jesus binden. Warum haben sich Petrus, Johannes, Andreas an Jesus gebunden? Weil sie bei ihm waren, ihn, seine Worte, sein Verhalten kennengelernt haben und dann gesagt haben: So hat noch niemand gesprochen.

Silvia: Auch für mich gibt es nichts Größeres als Jesus. Und was mach ich jetzt damit?

P. Rainer: Hast du Geduld bis zu unserem nächsten Gespräch? Denn dazu brauchen wir ein wenig Zeit.

Silvia: Ist in Ordnung, auch wenn’s schwer fällt.

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