Gehorsam II

Silvia: Damit wir den richtigen Anschluss an unser letztes Gespräch finden, erinnere ich dich an das, wie es geendet hat.

P. Rainer: Ja, bitte!

Silvia: Ich fragte dich, wie man es macht, sich immer mehr Jesus zu nähern und deine Antwort war: Das Leben und die Worte Jesu mit innerem Einsatz kennenlernen wollen, dann prüfen, ob sie den echten Bedürfnissen des Herzens entsprechen, wie z.B. dem Bedürfnis nach totalem Angenommen sein. Nach Wahrheit, Frieden und Unendlichkeit. Und wenn man das bestätigen kann, dann beginnt die Nachahmung, die du auch Anhängen, Nachfolgen, Gehorsam und Freundschaft genannt hast.

P. Rainer: Danke! Das hilft uns jetzt zum Einstieg. Was meinst du was Gehorsam ist?

Silvia: Tun, was ein anderer einem sagt. Oder: Ja sagen zu dem was man dir sagt.

P. Rainer: Nein!

Silvia: Nein?

P. Rainer: Das tut der Esel auch. Wenn du willst, dass er I A schreit, dann stichst du ihm hinten mit einer Stricknadel und er tut es. Oder wenn die Lehrerin mit dem Stock hinter den Kindern steht (was heute nicht mehr sein darf), tun die Kinder auch was sie sagt. Aber das ist kein Gehorsam, das ist Dressur, da fehlt die Freiheit. Gehorsam, wenn er echter menschlicher Gehorsam sein soll, braucht als Grundlage immer die Freiheit.

Silvia: Das verstehe ich. Freiheit muss sein! Aber beim Gehorsam musst du doch immer einem oder etwas anderem folgen und nicht dir.

P. Rainer: Das ist richtig. Aber wenn das in Freiheit geschehen soll und vor allem auch wenn dein Gehorsam, dein Folgen vernünftig sein soll, dann darfst du nur folgen, wenn du das Bewusstsein hast, das darin das Gelingen deines Lebens besteht, das heißt, dass die echten und tiefen Bedürfnisse deines Herzens erfüllt werden.

Silvia: Ich habe bei unserem letzten Gespräch schon gesagt, dass kein Mensch die tiefen Bedürfnisse meines Herzens erfüllen kann. Wenn jemand, dann nur Jesus.

P. Rainer: Und Jesus sagt dir: „Wer mir nachfolgt , gewinnt das ewige Leben und das Hundertfache auf Erden.“

Silvia: Was ist das Hundertfache?

P. Rainer: Die Erfüllung der tiefen und echten Bedürfnisse deines Herzens.

Silvia: Ich muss das immer wieder fragen: Wenn Jesus alle tiefen und echten Bedürfnisse des Herzens erfüllt – warum gehorchen ihm dann so wenige? Warum folgen ihm dann so wenige nach?

P. Rainer: Und ich gebe dir auch wieder die gleiche Antwort: Einmal weil sie die echten Bedürfnisse ihres Herzens vergessen, bzw. zugeschüttet haben mit den Bedürfnissen nach Geld und Besitz, nach gelten, genießen, Spaß und Ansehen, nach Können und Erreichen wollen. Zum anderen, weil sie ihre Zugehörigkeit vergessen haben. Sie geben sich der Illusion hin, ihr eigener Chef zu sein, sich selbst zu besitzen, sich selbst zu bestimmen, sich selbst zu verwirklichen. Das ist eine tragische Illusion. Der Mensch hat sich nicht selbst geschaffen. Gott hat ihn geschaffen. Er gehört einem Anderen, Gott.

Silvia: Zum Gehorsam gehört also nicht nur die Freiheit, sondern auch das Bewusstsein der Zugehörigkeit zu jemandem. Ohne dieses Bewusstsein gehöre ich ja nur mir selbst, folge ich mir selbst, und Gehorsam gibt es dann nicht.

P. Rainer: Das ist richtig. Wenn ich das Bewusstsein der Zugehörigkeit zu Gott habe, bestätige ich damit, dass ich nach seinem Bild geschaffen bin und das ich durch Jesus neu geschaffen bin.

Silvia: Was bewirkt nun mein Gehorsam Jesus gegenüber?

P. Rainer: Du wirst so wie Jesus. Du eignest dir das Sein von Jesus an. Paulus konnte Sagen: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“.

Silvia: Das ist gewaltig! Wer kann so etwas sagen?

P. Rainer: Das ist ein Vorgang, der ein ganzes Leben dauert. Und außerdem: Der Übergang von der Selbstbestimmung und Selbstbesitz zur Zugehörigkeit an die Person Jesu löst, wenn er von Knall auf Fall geschieht, wie bei Paulus, eine restlose Erschütterung aus, auf jeden Fall aber ist er mit einem großen Opfer verbunden.

Silvia: Warum?

P. Rainer: Weil man dabei den Eindruck hat sich nicht mehr selbst zu gehören: Du kannst dann einfach nicht mehr denken, fühlen, reden, handeln, reagieren wie du es bisher getan hast, wie ich es als Rainer gewohnt war, es für richtig gehalten habe und es auch veteidigt habe. Es ist einfach so, als wenn ich mein eigenes bisheriges Leben verliere.

Silvia: Ist es das, was Jesus meint, wenn er sagt: „Wer sein Leben um meinet Willen verliert, wird es gewinnen“?

P. Rainer: Genau das ist es. Dann aber braucht es Mut und ein totales überzeugt sein von Jesus, dass in Ihm das …. Meines Lebens besteht.

Silvia: Und ich denke, es braucht eine große Liebe zu Jesus. Du hast Gehorsam auch Freundschaft genannt und Anhängen. Das Eigene restlos verlieren, z.B. auch das Fühlen und die eigenes Art zu urteilen, braucht wirklich eine große Liebe, ein ungeheures Vertrauen, eine Anhänglichkeit und eine tiefe Freundschaft. Also ich kann da nicht.

P. Rainer: Das kann niemand aus sich selbst heraus. Da ist immer Gnade.

Silvia: Hat Jesus uns das vorgemacht, wie geht das?

P. Rainer: Natürlich hat er das, und zwar auf unüberbietbare Weise! Erinnerst du dich, dass er gesagt hat, dass er nur das tut, was der Vater tun sieht und dass er nur die Worte spricht, die er von Vater gehört hat. Und kurz vor seinem Tod sagt er noch zu Philippus: „Philippus, wer mich sieht, sieht den Vater“. Jesus lebt also ganz aus dem Vater, er lebt den Vater.

Silvia: Solange es mir gut geht dabei, kann ich das ja noch Verstehen. Aber dass Jesus das als Mensch durchhalten konnte, als er begreift, dass der Vater seinen Tod wollte…. O Jesus, wie konntest du das akzeptieren?!

P. Rainer: Weil er restlos von der Liebe seines Vaters überzeugt war und gleichzeitig die absolute Autorität des Vaters anerkannte. Und deshalb, wegen diesem absoluten Gehorsam, der zugleich höchste Liebe war, hat ihn der Vater dann mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt. Er wurde zum Vater einer neuen Schöpfung.

Silvia: Eigentlich bräuchte ich jetzt etwas Ruhe, um das in mich reinfallen und wirken zu lassen. Aber eine Frage habe ich noch.

P. Rainer: Sag nur!

Silvia: Um Jesus folgen zu können, um ihm gehorsam zu sein und ihm anzuhängen, da muss doch eine Zuneigung zu ihm vorausgehen, das Gefühl der Liebe.

P. Rainer: Nein, genau das Gegenteil ist wahr: Das Anhängen an Jesus in Zuneigung zu ihm entsteht dadurch, dass du Jesus folgst. Wichtig ist nur, dass du erkannt hast: Dieser Jesus erfüllt die tiefsten und wahrsten Bedürfnisse meines Herzens und meines Lebens. Und dann richtest du deinen Blick auf ihn, in einer Haltung großer Aufmerksamkeit. Du befolgst die Hinweise, die Er dir gibt, bemühst dich ständig, ihn zu verstehen. Mehr und mehr entdeckst du, dass ER wirklich die Wahrheit und das Leben und die Liebe ist. Und das erfüllt dich dann mit Staunen, Dankbarkeit, Bewunderung, und es entsteht die Zuneigung und Liebe zu Ihm. Und dann entdeckst du noch mehr an Ihm und das steigert deine Zuneigung zu ihm, und diese lässt dich noch mehr entdecken und so fort. Mir war immer ein kleines, kaum betontes Wort Jesu wichtig: “Wer mich liebt, dem werde ich mich offenbaren“. Ich verstehe das so, dass ich zuerst Ihn lieben muss, d.h. sein Gebot befolgen muss, und dass Er mich nachher mit Liebe zu Ihm erfüllt.

Silvia: Jetzt bin ich wirklich satt. Noch kurz: Mit was beschäftigen wir uns das nächste mal?

P. Rainer: Ich schlage vor, mit der Hoffnung.

Silvia: Hoffnung?

P. Rainer: Mit dem, was wir erwarten dürfen, wenn wir Jesus folgen.

Silvia: Oja, das braucht’s!

P. Rainer: Aber nicht vergessen: Mit allem, was wir reden und tun, Jesus gefallen wollen. Nichts tun, was nicht Liebe zu IHM ist

Silvia: Und wenn es ständig schief geht?

P. Rainer: Macht nichts! Hauptsache wir fangen ständig neu an .

Silvia: Also dann …..

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