Freiheit und Bestimmung - Gemeinschaft

P. Rainer: Wir hatten letzten Monat angefangen, uns über die Freiheit zu unterhalten und haben gesehen, dass jeder Mensch seine eigene Wahrnehmung hat, was Freiheit ist, dass aber die Wahlfreiheit nichts mit der wirklichen Freiheit zu tun hat, dass unsere wirkliche, unsere vollendete Freiheit erst nach dem Tod erreicht sein wird. Erst dann haben sich alle Probleme gelöst und wir haben keine Sorgen mehr, die uns von unserer Bestimmung trennen.

Silvia: Du meintest zum Schluss, dass ein weiterer wichtiger Aspekt die Gemeinschaft ist. Kannst du das bitte genauer erklären.

P. Rainer: Die Dynamik der Freiheit schließt die Möglichkeit zur Sünde ein, die Abweichung vom Weg auf das Unendliche hin. An diesem Punkt möchte ich auf etwas Wichtiges aufmerksam machen. Da Gott kein geschlossenes Einzelwesen ist, sondern in sich Gemeinschaft, die aber ganz eins ist – wir sagen: ein Gott in drei Personen –, beinhaltet das Zugehen auf das Unendliche das Zugehen auf die Einheit. Anders gesagt: Wenn du für die Einheit unter den Menschen lebst, d.h. für die gegenseitige Liebe, gehst du – vielleicht sogar unbewusst – auf das Unendliche zu. Erinnere dich an das Wort Jesu: ‚Vater, lass sie eins sein, wie wir eins sind. Alle sollen eins sein‘. Das Unendliche ist gleichzeitig Einheit unter und zwischen den Menschen. Dies als Zwischenbemerkung, damit wir die gemeinschaftliche Dimension unseres Lebens nicht aus dem Sinn verlieren. Das grundlegende Gesetz heißt also: Persönlich und gemeinschaftlich auf unsere menschliche Bestimmung zustreben und nicht der Emotion, dem Instinkt, der Lust, nachgeben.

Silvia: Aber gerade die Gemeinschaft schränkt doch die Freiheit ein. Ich muss oder sollte Rücksicht nehmen, sie beeinflusst mich, lenkt meine Aufmerksamkeit auf andere Dinge – vielleicht sogar auf negative Dinge. Ich sehe, dass es einem anderen scheinbar besser geht, er etwas hat, was ich auch gerne hätte oder etwas kann, was ich auch gerne können würde. Es gibt Menschen in der Gemeinschaft, die einen an die Grenzen bringen, die Gefühle in einem wecken, die einen ein Stück weit von dem entfernen, was unsere Bestimmung ist, weil sie in einem leidenschaftliche Gefühle wecken, die einen zur Raserei bringen und man das Ziel ein Stück weit aus den Augen verliert.

P. Rainer: Angesichts des Geschöpfes der Menschen gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man wählt das Geschöpf, weil einen dieses mehr zu befriedigen scheint oder das Geschöpf hilft, mehr nach der gemeinsamen Bestimmung zu streben. Sünde bedeutet, vom Weg zur Bestimmung abzuweichen, um bei etwas zu bleiben, das für den Augenblick mehr interessiert. Wenn ich von Gemeinschaft spreche, dann meine ich die Gemeinschaft, die im christlichen Geist zusammenlebt.
Die Gemeinschaft hilft dir, anzuerkennen, dass du schlecht gewählt hast und die Kraft zu haben, dich selbst zu beherrschen, um dich vom Bösen loszureißen durch Verzicht und Änderung deines Verhaltens, um dem anzuhängen, was dich zur Bestimmung führt, um die Bestimmung jeden Tag zu erwarten, jeden Tag zu erwarten, dass sie komme.
Wer den Nächsten mit seiner ganzen Person, mit seiner ganzen Treue, mit seiner ganzen Willenskraft, mit seiner ganzen Fähigkeit zum Opfer, also mit seiner ganzen Affektivität liebt, kann etwas mehr erahnen, sich etwas mehr vorstellen, wie das Paradies sein wird. Aber es ist noch nicht das Paradies.

Silvia: Also als Paradies würde ich es nicht bezeichnen, wenn ich einen schwierigen, jähzornigen, rechthaberischen Menschen lieben soll oder einen Menschen, der alle andere als ‚minderwertig‘ ansieht und meint, über ihnen zu stehen und sie als ‚Putzlumpen‘ benutzt und manchmal sogar missbraucht. Das sind böse Menschen.

P. Rainer: Jedes Ding ist gut! Du fragst jetzt sicherlich, worin besteht dann das Böse?
Die Bosheit besteht in der Wahl dessen, was im Widerspruch zu deiner Bestimmung steht. Das Böse ist nur dort, wo sich die Wahl in Freiheit vollzieht. Deswegen ist der Urheber der Sünde der Mensch selbst, die Freiheit des Menschen. Um dir die Energie zu geben, dich wieder zu fangen, dich zu besinnen, um neu zu beginnen, ist ER gekommen. Er lässt dich einer Gemeinschaft angehören und die Gemeinschaft, in der Jesus gegenwärtig ist, ist mehr als der Vater, die Mutter, die Familie. Allein ist der Mensch eine Beute des Umfeldes, in dem er lebt. Gemeinsam mit anderen Gleichgesinnten geht er zur gleichen Bestimmung, zum gemeinsamen Ziel. Nach einem Jahr in einer Gemeinschaft, in der Jesus durch die gegenseitige Liebe gegenwärtig ist, wird man anders als die anderen. Man versteht, denkt, fühlt, handelt anders, geht die Dinge anders an als die anderen. Man ist ein neuer Mensch, ein neues Geschöpf, man hat eine neue Art zu denken und zu fühlen. Die Zugehörigkeit zu Jesus bedeutet deshalb immer auch die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Die Gemeinschaft ist wie die Arme Jesu, mit denen Jesus den einzelnen umarmt, wie seine Augen, mit denen er die Haare auf dem Kopf zählt, wie die Augen Jesu, die bemerken, wie der Spatz zur Erde fällt, die die Blumen auf dem Feld bemerken. Die Gemeinschaft ist die mächtige Energie, mit der Jesus den toten jungen Mann der Witwe von Nain auferweckt. Denn es ging Jesus vor allem darum, die Seele dieser Frau aufzuwecken: ‘Frau, weine nicht‘. Die Gemeinschaft ist Jesus, der all diese Dinge tut. In der Gemeinschaft, wenn die dazugehörigen Personen einander lieben um Jesu Willen, ist Jesus gegenwärtig, der heute wie damals all diese Dinge tut.

Silvia: Das klingt ja ganz nett. Einander lieben um Jesus Willen. Aber diese ideale Gemeinschaft gibt es doch wohl selten. Schließlich sind alle nur Menschen, die sicherlich versuchen können, das zu leben, aber es wird uns doch im Grunde genommen nie wirklich ganz gelingen.

P. Rainer: Es gibt Ehen und Familien, für die das zutrifft, was ich gesagt habe. Und es gibt andere Gemeinschaften, in denen das auch zutrifft, auch wenn sie nicht vollkommen sind. Aber der gute Wille ist da. In der Gemeinschaft lernst du alles, was deine Bestimmung ausmacht. Die Gemeinschaft gibt dir den Glauben, sie erhält dich im Glauben, sie führt und erzieht deinen Glauben. Die Gemeinschaft lässt dich verstehen, was Freiheit ist, und sie erzieht dich zum Opfer, das man bringen muss, um seine Bestimmung zu erreichen. In der Gemeinschaft lernst du dein demütiges Wissen um deine Sünde und wie leicht es ist zu sündigen, denn im Menschen findet sich eine riesengroße Wunde, welche die Erbsünde ist.
Die Gemeinschaft sagt dir, keinen Anstoß zu nehmen an der Versuchung, die dich überkommt, auch nicht an den Fehlern, die du begehst und die andere begehen. Du nimmst unerschüttert den Weg wieder auf. Gemeinsam erkennt der Mensch das an, was zur Bestimmung führt, er erkennt aber auch die Faszination dessen, was ihn täuscht.
Was muss man mit seiner Freiheit tun? Das gleiche, was man mit dem Glauben tut: Nachfolgen! Und Nachfolge geschieht immer in Gemeinschaft. Wenn die Apostel Johannes und Andreas nicht nachgefolgt wären, wäre in ihnen ein starker Eindruck geblieben, aber sie hätten kein Vertrauen zu diesem Menschen gehabt.

Silvia: Das gilt aber nur, wenn in dieser Gemeinschaft wirklich das Evangelium gelebt wird, andernfalls steht einem die Gemeinschaft doch auch ‚im Weg‘: Wenn man von der Gesellschaft, in die man hinein geboren wird, dazu verleitet wird, gewisse Dinge zu tun oder auch nicht zu tun, wenn man gerade in der Jugend, um dazuzugehören, um nicht out zu sein, Dinge tut oder eben auch nicht tut, damit man angesehen und nicht ausgelacht wird, um nicht am Rand zu stehen und um ernst genommen zu werden. Oftmals zählt doch heute nur noch, das neuste Handy zu haben, ganz bestimmte Klamotten zu tragen. Wer nicht in die Norm passt, wird nicht akzeptiert. Da sind viele Christen dann auch nicht anders als andere. Denn wer nicht in die Norm passt, ist nicht wirklich gerne gesehen in einer Gemeinde und oftmals wird über diese Personen geredet, nicht mit ihnen, sondern über sie.

P. Rainer: Da muss ich dir zustimmen. Darum kann der Christ, der ernsthaft Jesus nachfolgen will, mitten in unserer Gesellschaft nur existieren in Gemeinschaft mit Gleichgesinnten. Dann ist er auf dem Weg zu echter Freiheit.
Wie wird die Freiheit die Kraft unseres Lebens und somit die Würde unseres Lebens (die Würde des Menschen besteht in der Freiheit, weil diese die Beziehung zum Unendlichen ist)? In der Nachfolge! Wenn man der Gemeinschaft folgt, in die uns der Herr durch seinen Ruf gestellt hat. Es gibt nichts Intelligenteres als nachzufolgen.
Thomas von Aquin sagt: Der Mensch findet seine Würde in der Wahl dessen, was er am meisten im Leben schätzt und von dem er die größte Erfüllung erwartet. Keiner von uns hat allein die Kraft, sich diese Sache in Erinnerung zu behalten, das geht nur gemeinsam: in der großen Gemeinschaft der Kirche und in der kleinen Gemeinschaft innerhalb der Kirche. Nur in der Gemeinschaft bleiben das Bewusstsein der eigenen Bestimmung und das Bewusstsein der eigenen Gebrechlichkeit.
Es ist gut zu wählen. Die Freiheit stellt dich in eine Position, die zwei Seiten hat: Sie kann das Gute wählen oder das Schlechte. Vor allem die Gemeinschaft mit Jesus hilft dir, das Gute zu wählen. Jesus ist gekommen, um die Menschheit zu erziehen, dass sie versteht, bejaht und anerkennt, dass es für alles was geschieht, ein letztes Ziel gibt. Dieses Ziel ist Gott. Jesus ist gekommen, um den Menschen zu erziehen, alles um seiner Bestimmung willen zu tun. Zur Lösung eines Problems muss man immer von einer positiven Hypothese ausgehen. Das gilt auch für das Leben. Wenn ich von der Hypothese ausgehe, dass das Leben ohne Sinn ist, dann wird es bald keine Kinder mehr geben. Wir sind also selber gefragt, die Gemeinschaft, in der wir leben, mitzugestalten. Dazu könnte es gehören, dass wir mit den Menschen reden und nicht über sie, dass wir auf den Menschen sehen, auf das, was ihn ganz persönlich ausmacht und eben nicht beurteilen, welche Kleidung es trägt, wie er sich ausdrückt oder auf uns wirkt. Vergiss nicht: vor allem ist die Gemeinschaft mit Jesus wichtig. Und Gemeinschaft mit Jesus heißt, nach seinem Wort leben.

Silvia: Zum Beispiel Lk 6,43-46: „Es gibt keinen guten Baum, der schlechte Früchte hervorbringt, noch einen schlechten Baum der gute Früchte hervorbringt. Jeden Baum erkennt man an seinen Früchten: Von Disteln pflückt man keine Feigen, und vom Dornenstrauch erntet man keine Trauben. Ein guter Mensch bringt Gutes hervor, weil in seinem Herzen Gutes ist, und ein böser Mensch bringt Böses hervor, weil in seinem Herzen Böses ist. Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund. Was sagt ihr Herr! Herr!, und tut nicht, was ich sage?“ Oder bei Matthäus Mt.7,12 Die Goldene Regel: „Alles was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten.“

P. Rainer: Richtig! Im Grunde muss unser ganzes Leben mit dem Evangelium übereinstimmen. Aber unser Leben ist die Freiheit, die noch auf dem Weg ist und die dabei ist, sich zu verwirklichen. Es ist eine noch unvollendete Freiheit.

Silvia: Wie aber entwickelt und verwirklicht sich unsere Freiheit?

P. Rainer: Wenn meine Freiheit die Beziehung zum Unendlichen ist, dann ist es das Unendliche, das mich aufwecken, locken, ziehen, herausfordern muss. Und wie weckt das Unendliche mich auf? Wie weckt es meine Freiheit?
Da wir Geschöpfe unter Geschöpfen und Geschaffenem sind, kann das Unendliche unsere Freiheit nur durch die Geschöpfe hindurch aufwecken, ziehen und herausfordern. Wir sehen z. B. einen wunderbaren Sonnenuntergang und wollen in Beziehung treten zu dem, der so etwas machen kann. Später wird es vielleicht eine junge Frau sein, die noch attraktiver ist als der Sonnenuntergang. Das bedeutet: Gott erscheint uns im Zeichen der Dinge. Um aber Gott darin zu erkennen und damit sie die Lust auf Gott in uns, d.h. in unserer Freiheit wecken können, ist eine Voraussetzung unabdingbar: Wir müssen den Geschöpfen und den Dingen aufmerksam und ehrlich gegenüber sein, müssen staunen und dankbar sein können für das, was sie sind und wie sie uns erscheinen. Denn nur dann erscheint uns Gott im Zeichen der Dinge, nicht aber, wenn wir uns den Geschöpfen gegenüber vereinnahmend verhalten oder wenn wir ein vorgefasstes Urteil ihnen gegenüber haben. Denn dann verwandelt sich die Freiheit in Lüge. Und die Lüge, das Gegenteil von Freiheit, ist die eigentliche Sünde des Menschen: Er entwickelt sich nicht zum Unendlichen hin, sondern bleibt in seinem Ich. Den Weg zum Unendlichen verlassen – das ist die Sünde.

Silvia: Ich glaube, mir langt es für heute. Das muss ich erst einmal sacken lassen und darüber nachdenken. Und eventuell habe ich ja auch noch die eine oder andere Frage. Meinst Du, die Menschen, die uns zuhören, haben auch Fragen?

P. Rainer: Ja, genug für heute, das nächste Mal reden wir dann besonders über die Beziehung von Freiheit und Bestimmung. Vielleicht gibt es ja bis dahin auch die eine oder andere Frage, die wir den Menschen beantworten können, die uns so zuhören.

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