Freiheit – Wahlfreiheit – Bestimmung

P. Rainer: Das letzte Mal haben wir über Beispiele für besondere Begegnungen geredet, Begegnungen, die uns unserer Bestimmung näher bringen und somit letztendlich unserer Freiheit.

Silvia: Moment, Freiheit bedeutet doch, dass man frei von Zwängen, Einschränkungen und Einflussnahmen anderer ist, tun und lassen kann was, man will. Was hat denn da jetzt unsere Bestimmung damit zu tun?

P. Rainer: Was du, und sicherlich viele andere Menschen mit dir meinen, wenn sie Freiheit sagen, ist die Wahlfreiheit. Die Wahl Gutes zu tun oder auch Böses. Weil unsere Freiheit unvollendet ist, kann sie noch Fehler machen. Die Wahlfreiheit ist Merkmal einer Freiheit, die noch unterwegs ist, eine unvollkommene Freiheit. Die Wahl gehört nicht zur letzten Definition der Freiheit. Freiheit ist vollkommene Erfüllung. Die Möglichkeit der Fehler gehört zu einer Freiheit, die noch nicht frei, noch nicht befreit ist, die noch nicht die vollkommene Erfüllung erlangt hat. Die Emotionen einen stärkeren Einfluss ausüben zu lassen als etwas, was die Freiheit weiterbringt – das ist der Fehler. Nicht die Anziehung ist der Fehler, nicht die Emotion, sondern dass wir die Anziehung, die im Moment stärker ist, der schwächeren Anziehung, die aber nach dem Unendlichen strebt, vorziehen.

Silvia: Wenn also nicht die Wahl, Dinge zu tun oder zu lassen, Freiheit ist, was ist dann Freiheit? Wann ist ein Mensch frei?

P. Rainer: Zum Thema ‚Freiheit‘ habe ich in den letzten Tagen drei Artikel gelesen. Klaus Hemmerle, der frühere Bischof von Aachen, sagt: ‚Freiheit heißt: Bestimmt sein vom Guten, und diese Freiheit wächst, je klarer und bewusster ich mich vom Guten bestimmen lasse‘.
Eine Jugendliche sagt – und das entspricht dem von Klaus Hemmerle: ‚Wenn ich anderen helfe, spüre ich eine innere Freiheit‘. Und ein anderes Mädchen: ‚Um uns frei zu fühlen, brauchen wir andere, mit denen wir unser Glück teilen können‘.
Anselm Grün sagt: ‚Dort, wo Du Dich nach Gott sehnst, dort bist Du frei‘.

Silvia: Freiheit ist, bestimmt sein vom Guten; anderen helfen; sich nach Gott sehnen? Also ich verstehe das nicht ganz. Ich zum Beispiel fühle mich freier und besser, wenn ich andere, die mich auf Grund von Äußerlichkeiten gehänselt haben, gehörig die Meinung gegeigt habe und mich mit ‚Nachdruck‘ dagegen gewehrt habe. Oder auch heute noch, wenn mich etwas sehr negativ bewegt, wenn ich deswegen ‚fertig bin‘ und es mir schlecht geht, dann gehe ich in die Kirche und ‚beschwere‘ mich bei Gott, bei Jesus. Ich geh dann schon mal wutschnaubend in die Kirche und erkläre „Wir müssen reden! Also weißt du ….“ und dann wird erst Mal Luft abgelassen, und ich merke, wie ich ruhiger werde, wie meine Ängste nachlassen und ich mich besser, freier fühle.

P. Rainer: Es ist genau das, was ich meine: Du fühlst dich dann freier, wenn du klarer siehst, wenn du nicht gehindert wirst, den richtigen Weg zu gehen. In den obigen Zitaten wird deutlich – besonders in denen der beiden Jugendlichen – ,dass der Mensch beim Thema Freiheit von der eigenen Erfahrung ausgeht: Man muss sich frei fühlen.
Ich erfahre Freiheit immer durch Erfüllung, die ich erlebe. Ich erinnere mich zum Beispiel an die Augenblicke, als ich das Abitur und den Führerschein bestanden hatte: Ich fühlte mich frei. Oder als ich nach einer anstrengenden Bergtour auf dem Gipfel angekommen war oder eine große Gefahr überstanden hatte oder eine Kinderfreizeit gut zu Ende gebracht hatte. Momente der Freiheit.
Andererseits fühlte ich mich schlecht, unterdrückt, eingeengt, wenn ein Wunsch nicht in Erfüllung ging, z.B. nach einem verlorenen Fußballspiel, nach einer nicht bestandenen Prüfung, nach einer nicht erfüllten Bitte. Nun ist es aber so, dass wir die Augenblicke, in denen wir Erfüllung und damit Freiheit erleben, nicht festhalten können – nach dem Abitur bzw. Führerschein kommen neue Anforderungen, das Leben geht weiter, der Mensch steht nie still, kein Moment ist wie der andere. Der Mensch strebt nach immer mehr Erfüllung. Er strebt das Ziel an – und das ist die höchste Freiheit–, in dem sich jedes Problem gelöst hat, in dem alles, was er sich gewünscht hat und alles, was er sich wünschen könnte, sich erfüllt. Aber dieser Punkt liegt im Unendlichen. Denn angesichts der Dinge, die der Mensch vor sich hat, fragt er nach jeder Erfüllung: ‚Und dann?‘ Bei allem, was er erreicht hat und bei allem, was er genießt: ‚Und dann?‘

Silvia: Aber das würde ja bedeuten, dass wir nie frei werden. Schließlich gibt es immer irgendwelche Einflüsse, durch die man seine eigenen Wünsche hintanstellen muss. Und dann gibt es doch auch immer irgendwelche Probleme, Sorgen und Nöte, die uns beeinflussen. Selbst Menschen, von denen man es auf den ersten Blick nicht annimmt, weil sie ihre wahren Gefühle verdeckt halten, Menschen die scheinbar sorglos leben, haben Probleme, Ängste und Sorgen! Schon ein wenig ernüchternd und deprimierend. Auch für Menschen, die im Glauben hoffen, davor zu entfliehen.

P. Rainer: Wir können also sagen, dass das Ich, bewusst oder unbewusst, immer in Beziehung zum Unendlichen steht, um die vollkommene Erfüllung zu erreichen, d.h. die vollkommene Freiheit, die es aber – hier auf Erden – nie erreicht. Das Herz hat das Bedürfnis nach Liebe und Geliebtwerden, nach Erfüllung von Wahrheit, Gerechtigkeit, Gemeinschaft. Aber bei allem, was er erreicht, findet er das niemals vollkommen erfüllt. Deswegen ist das, was der Mensch erstrebt, immer etwas, was jenseits, was transzendent ist. Ich nehme also durch die Sehnsucht, die ich in mir entdecke, etwas wahr, was nicht innerweltlich ist, was es aber geben muss, sonst gäbe es diese Sehnsucht in mir nicht. Und dieses nennen wir Gott, das Geheimnis, Gott als Geheimnis, Gott als die äußerste Grenze, zu der das Verlangen des Menschen hinstrebt. Und Freiheit ist umso größer – das wird jetzt einsichtig – je mehr sie sich Gott nähert. Denn je mehr sie sich Gott nähert, desto größer ist die Erfüllung aller Wünsche, desto glücklicher ist er. Wenn Freiheit der Wunsch nach Glück ist, dann ist das Ereignis der Freiheit dann vollendet, wenn der Wunsch nach Glück erfüllt sein wird. Der Wunsch nach vollkommenem, nicht endendem Glück wird aber erst – wie wir gesehen haben – in der endgültigen Beziehung zu Gott, zu Jesus erfüllt sein, und das ist erst nach unserem Tod. Unsere Freiheit besteht also in der Beziehung zum Unendlichen, zu Gott, zu Jesus. Freiheit ist die Fähigkeit, unsere Bestimmung – Gott, Jesus – zu erreichen. Freiheit ist die Verbindung, die Beziehung mit unserer letzten Bestimmung. Wir erleben also die Freiheit als die Fähigkeit zu etwas was am Ende kommen soll.

Silvia: Also sind wir im Grunde genommen ständig auf dem Weg. Und letztendlich sind wir hier auf der Erde niemals ganz frei. Dann gibt es also auch keine wirkliche Freiheit, und den Zustand vollkommener Erfüllung erreichen wir hier auf Erden nicht. Ist das alles nicht sehr negativ?

P. Rainer: Ich möchte eher sagen: Die Erfahrung vollkommener Freiheit machen wir hier auf Erden nur in Momenten. Wir kennen nicht den genauen Plan Gottes für unser Leben. Wir wissen nur, dass dieser Plan auf das Unendliche hinzielt. Und dabei lässt uns die Gott die Wahl, das zu tun, was uns näher zu ihm führt (wie beten, das Erfüllen der täglichen Pflichten, das Besuchen der Sonntagsmessen). Gerade zu Beginn unseres Lebens erscheinen uns diese Dinge weniger attraktiv. Hier sind andere Dinge, die uns mehr reizen z.B. Fernsehen, Party’s, schicke Kleidung,
lange schlafen ... . Wenn wir den Dingen folgen, die Gott uns vorschlägt, gehen wir auf unsere Bestimmung zu, und je mehr wir weiter gehen, umso stärker wird die Erfahrung der Freiheit – gerade das Gegenteil von dem, was bei den weltlichen Dingen der Fall ist: Hier ist die Attraktivität am Anfang am größten und dann vergeht sie wie im Rausch.
Alle Dinge sind gut. Jedes Ding ruft den Schöpfer in Erinnerung. Aber einiges kann anziehender für dich sein als die übrigen.

Silvia: Ist es nicht richtig, dem zu folgen, was anziehend für mich ist?

P. Rainer: Wenn du die Wahl hast zwischen zwei Dingen, und das zweite weniger anziehend ist, dich aber näher zur Bestimmung führt, bist du vernünftigerweise gehalten, dem zweiten zu folgen und nicht dem ersten. Wenn du nicht so handelst, machst du einen Fehler, und das ist Sünde. Das geschieht uns immer wieder, weil die Freiheit noch nicht vollkommen ist. Solange sie von den Geschöpfen:den Dingen stimuliert werden muss, kann sie Fehler machen.
Nochmals: Die Wahlfreiheit ist die Freiheit, die unterwegs ist. Erst wenn die Freiheit vor ihrem Objekt steht, das die völlige Erfüllung ist, wird sie völlig frei sein, ganz und gar Freiheit. Wenn etwas dem Willen Gottes entspricht, so heißt das, dass es der eigenen Bestimmung entspricht, dass man auf dem Weg seiner eigenen Bestimmung ist. Was dich auf die Bestimmung zugehen lässt, ist vernünftig. Und diese Bestimmung, ist das Geheimnis Gottes, ist Gott.

Silvia: Nun gut, das kann ich soweit ja nachvollziehen, allerdings sieht doch jeder Mensch etwas anderes als seine Bestimmung an. Jeder Mensch ist schließlich eigen, jeder hat eine andere Erziehung genossen, andere Dinge erlebt, die ihn prägen, ein anders Umfeld. Wenn zwei Menschen das Gleiche sehen, nehmen beide es doch unterschiedlich wahr und ziehen unterschiedliche Schlüsse daraus.
Ich habe gehört, dass Phillip Neri auf die Frage, was er als den Willen Gottes für sich erkenne geantwortet habe „Auf jeden Fall etwas ganz anderes als Ignatius (von Loyola)“. Also selbst bei den Heiligen gibt es da unterschiedlich Auffassungen. So sieht also jeder Mensch seine Bestimmung anders.

P. Rainer: Das gilt für den konkreten Weg zur Bestimmung. Die Bestimmung selbst ist für alle die gleiche: Christus. Freiheit ist die Fähigkeit, mit der Bestimmung in Beziehung zu treten. Die Bestimmung liegt am Ende der Straße. Wenn ich die Autobahn von Frankfurt nach Köln fahre, dann habe ich immer den Bestimmungsort vor Augen: Köln. Und ich fahre von der Autobahn ab nach Köln hinein. So liegt auch der Bestimmungsort meines Lebens jenseits der Straße, d.h. jenseits des Todes. Vernünftig ist all das, was mich meinem Ziel näher bringt, meiner Bestimmung, auf welchem Lebensweg auch immer.
Nicht der Instinkt, den ich verspüre, entspricht meinem Herzen, sondern das, was mein Herz seiner Bestimmung näher bringt, kann ein Leben voller Entbehrungen und Schmerzen sein.
Das Anhängen an die Bestimmung ist der Sinn eines jeden Schrittes, den man auf dem Weg macht. Jesus sagt: ‚Wer mir nachfolgt, wird das ewige Leben haben (und das ist die Bestimmung) und das Hundertfache hier auf Erden‘ Ganz glücklich wirst du auf Erden nie, höchstens zufriedener. Und was dich deiner Bestimmung, die Christus ist, näher bringt, ist immer die Liebe zu ihm.

Silvia: Aber nehmen wir das Beispiel von der Fahrt mit dem Auto von Frankfurt nach Köln. Während der eine diese Strecke in einem durchfahren kann, weil er ausgeruht ist, weil das Auto genug Benzin hat und weil keine Hindernisse den Weg versperren oder er keine Panne hat, kann es sein, dass ein anderer – weil er zu einer anderen Zeit diese Strecke fährt – eine Umleitung fahren muss, lange in einem Stau steht, und dadurch müde wird und rasten muss. Vielleicht muss er dazu sogar die Autobahn – also den schnellsten Weg – verlassen, einen Umweg fahren. Und manchmal kommt man dadurch auch zu spät an seinem Bestimmungsort an.

P. Rainer: Da hast du sicherlich Recht, man darf dabei nur nicht das Ziel aus den Augen verlieren. Die vollkommene Freiheit ist ein Weg. Ein Kind ist noch kein Mann, aber seine ganze Dynamik strebt dahin, ein Mann zu werden. Der Weg zur vollkommenen Freiheit ist eine Prüfung. Gott prüft unsere Freiheit. Die große Arbeit Jesu bestand in seinem Gehorsam gegenüber Gott. Das ist auch unsere Arbeit: Der Gehorsam Jesus gegenüber.

Silvia: Ich glaube, da habe ich wieder einiges nachzudenken. Und ich bin sicher, das gibt es noch einige Fragen dazu.

P. Rainer: Da nächste Mal werden wir uns dann auch noch über einen anderen Aspekt unterhalten – die Gemeinschaft.

Silvia: Gemeinschaft? Und Freiheit? Und Bestimmung?

P. Rainer: Das gehört zusammen. Du wirst sehen.

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