Wie erkenne ich meine Bestimmung?

Thema: Wie erkenne ich meine Bestimmung?
oder: Wie komme ich zum Glauben?

Silvia:  Das letzte Mal sagtest du, dass wir heute über Freiheit und Bestimmung reden. Kannst Du mir sagen, was du unter Bestimmung verstehst?

P. Rainer: Ich erinnere mich an ein Erlebnis mit meinem Vater. Als Jugendlicher war ich einmal mit meinem Vater auf dem Feld. Während der Arbeit hielt mein Vater plötzlich inne, stellte sich aufrecht, blickte ins Weite und fragte laut: ‚Warum gibt es das alles? Es bräuchte doch gar nichts zu geben.‘ Du verstehst: Mein Vater war kein Philosoph, er war ein einfacher Bauer, aber er stellte diese höchst philosophische Frage, die Frage, mit der alle Philosophie überhaupt erst beginnt, die Frage nach dem Warum, dem Woher und Wozu.

Silvia: Hast Du deinem Vater etwas geantwortet?

P. Rainer: Ehrlich gesagt: Ich war ziemlich verdutzt. Mir war wohl klar, dass alles von Gott kommt, aber die Frage nach dem Wozu hatte ich mir so noch nie gestellt. Also sagte ich nichts, dieser Moment aber blieb mir immer in Erinnerung.

Silvia: Du sagtest das letzte Mal, dass für jeden Menschen Jesus die Bestimmung sei, d.h. das Wozu seines Lebens. Woher weißt du das?

P. Rainer: Das sagt mir mein Glaube. Die Formulierung habe ich vom hl. Paulus, der sagt, dass alles durch Jesus und auf Jesus hin geschaffen wurde und dass alles in Jesus Bestand hat. Ohne Jesus verfällt sofort alles ins Nichts.

Silvia: Das ist gewaltig! Ein ganz neuer Blick auf alles, was ist. Aber die meisten Menschen wissen doch gar nicht, dass Jesus das Wozu, d.h. die Bestimmung ihres Lebens ist.

P. Rainer: Dann müssen wir es ihnen sagen.

Silvia: O, das wird aber schwierig! Die Leute wollen das gar nicht hören. Und wenn sie es hören, begreifen sie es nicht. Sie können es vielleicht auch gar nicht begreifen, weil sie nie von Jesus gehört haben und wenn, dann nur mit Worten, die den anderen nicht zum Glauben führen.

P. Rainer: Stimmt! Einfach nur sagen bringt dem anderen meistens nichts. Er muss es aus sich selbst heraus erfassen und zwar durch eine außergewöhnliche Erfahrung.

Silvia: Was meinst du damit?

P. Rainer: Vielleicht erinnerst du dich an eine Szene aus dem Johannesevangelium. Da laufen zwei Israeliten, Andreas und Johannes, Jesus nach, weil sie neugierig auf ihn geworden sind. Sie laufen ihm nach, weil sie einfache und unkomplizierte Leute sind, wie Kinder, die von etwas ergriffen sind und mit offenem Mund zuhören.
Während sie Jesus heimlich folgen, fühlt es Jesus, dreht sich um und fragt: ‚Was wollt ihr?‘ Die Israeliten fragen: ‚Meister, wo wohnst du?‘ Worauf sie Jesus einlädt ‚Kommt und seht!‘
Die beiden bleiben den Nachmittag über bei Jesus und kommen verwandelt wieder heim. Sie gehen ihrer Arbeit nach, gehen in die Synagoge, treffen sich mit Freunden …. Und immer steht vor ihren Augen diese Person.

Silvia: Das war ihre außergewöhnliche Erfahrung?

P. Rainer: Ja! Es war die Art, wie Jesus sprach und was er sagte. Auch wenn sie vielleicht nicht verstanden, aber sie waren überzeugt: ‚Dieser Mann sagt die Wahrheit.‘

Silvia: Du meinst, dass Andreas und Johannes in den wenigen Stunden bei Jesus ihre Bestimmung erkannten?

P. Rainer: Ja, aber eine Bestimmung, die sich entwickelte, so wie sich der christliche Glaube entwickelt. Das Bewusstsein, zu was ich bestimmt bin, d.h. die Erfüllung meines Lebens, beginnt mit einem ersten Stein. Wenn dieses Bewusstsein sich entwickelt, wird es zum Fundament meines ganzen Lebens.

Silvia: Beginnt das Bewusstsein meiner Bestimmung also mit einem Geschehen, in diesem Fall eine Begegnung, mag sie äußerlich auch noch so unbedeutend sein?

P. Rainer: Scheinbar unbedeutend, aber außergewöhnlich.

Silvia: Und was war bei der Begegnung von Andreas und Johannes mit Jesus außergewöhnlich?

P. Rainer: Die Begegnung – ein Faktum, eine Tatsache, denn der christliche Glaube geht immer von einem Faktum aus – muss außergewöhnlich gewesen sein, sonst hätten sie danach nicht ihr ganzes Leben auf Jesus gesetzt. Sie hörten Jesus mit offenem Mund zu, sahen ihm sprechen, blickten in seine Augen, folgten seinen Bewegungen, der Liebe, die von ihm ausging. Die Begegnung mit Jesus was so außergewöhnlich, dass sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich zog.

Silvia: Genügte denn wirklich diese eine außergewöhnliche Begegnung mit Jesus, um ihre ganze Existenz allein und nur auf ihn auszurichten?

P. Rainer: Sie genügte, um ‚am Ball zu bleiben‘, d.h. um Jesus auf den Fersen zu bleiben. Sie genügte, dass sich in ihnen die Überzeugung festsetzte: Das ist der Messias. Sie lassen ihn von da an nicht mehr aus den Augen. Sie sind dabei, wenn er auf dem Markt spricht, in den Häusern, am Strand, auf dem Hügel vor der Stadt, in einer Ebene. Sie erleben mit, wie er einen Gelähmten heilt, die Schwiegermutter des Petrus, sie erleben den wunderbaren Fischfang mit, den Sturm auf dem Meer und wie er ihn stillt – alles außergewöhnliche Begegnungen.

Silvia: Wann ist denn ein Faktum, eine Begegnung außergewöhnlich?

P. Rainer: Eben wenn es nicht das Gewohnte , sondern das Außer-gewöhnliche ist, das Unerwartete. Ganz so, wie wenn ein junger Mann völlig unerwartet die Frau seines Lebens findet.

Silvia: Eine außergewöhnliche Begegnung ist also eine unerwartete Begegnung?

P. Rainer: Es muss dazukommen, dass sie dem Bedürfnis des Herzens entspricht, dem Ziel, das du deinem Leben, deinem Denken und Handeln gegeben hast. Die Begegnung muss deinem Bedürfnis, deiner Sehnsucht nach Gerechtigkeit, Wahrheit, Glück und Liebe entsprechen.

Silvia: Aber das kann sich doch ändern. Was mir noch vor einigen Jahren wichtig erschien, ist heute in den Hintergrund getreten. Dafür sind andere Dinge mir wichtig geworden, meine Bedürfnisse haben sich geändert.

P. Rainer: Vielleicht haben sich die Dinge geändert, weil sie nicht deiner Bestimmung entsprachen? Hast Du dir schon mal überlegt, dass Gott in unser Leben eingreift, damit wir unsere Bestimmung überhaupt erkennen können? Er greift ein, um uns den richtigen Weg zu zeigen oder auf ihn zurück zu führen.

Silvia: Ist das nicht fast unmöglich, dass eine solche Begegnung, die all dem entspricht, was mein Herz ersehnt, überhaupt eintrifft?

P. Rainer: Eigentlich sollten solche Begegnungen natürlich sein, aber es ist nicht so. Es trifft faktisch nie ein, es ist unmöglich, es ist unvorstellbar.

Silvia: Und wenn es dann doch eintrifft, dann ist es wirklich außergewöhnlich?

P. Rainer: So ist es! Ich möchte sogar ‚außergewöhnlich‘ mit ‚göttlich‘ gleichsetzen. Etwas wahrhaft Außergewöhnliches ist etwas Göttliches, es enthält Göttliches. Es ist etwas, was man sich nie vorgestellt hat, etwas nie Erlebtes.

Silvia: Der christliche Glaube, der gleichbedeutend ist mit dem Bewusstsein, eine Bestimmung zu haben, braucht also als Ausgangspunkt ein außergewöhnliches Faktum, z.B. eine Begegnung, die außergewöhnlich ist, die meinen innersten Bedürfnissen auf unbegreifliche Weise entspricht, auf eine Weise, wie ich sie mir nie vorgestellt, ausgemalt hatte, wie ich sie nie gesehen, gehört, getroffen habe. So eine Begegnung ist eigentlich unmöglich. Ist es so?

P. Rainer: Genau so! So war die Begegnung von Andreas und Johannes mit Jesus. Später werden die Leute dann über Jesus sagen: ‚Noch nie hat ein Mensch so gesprochen‘.

Silvia: Was bewirkt eine so außergewöhnliche in Begegnung einem Menschen, der sie erlebt?

P. Rainer: Ein Staunen, ein großes Staunen, die Vorahnung von etwas Übernatürlichem, ein Staunen, das im Grunde eine Bitte um tiefes Erkennen ist. Die Leute, die Jesus erlebten, fragten: ‚Wer ist dieser Mensch?‘ ‚Was ist das für ein Mensch?‘ So fragen seine zutiefst beeindruckten Freunde. Aber auch seine Feinde und Kritiker fragen: ‚Sag uns endlich, wer du bist und woher du kommst!‘ Sie hätten ja nur ins Einwohnerregister von Bethlehem schauen müssen. Aber die Außergewöhnlichkeit war zu groß. Sie konnten die Überbietung einfach nicht mehr ertragen.

Silvia: Wann beginnt eigentlich der Glaube an Jesus?

P. Rainer: Genau mit dieser Frage: ‚Was ist das für ein Mensch?‘

Silvia: Aber für jeden Menschen ist etwas anderes außergewöhnlich. Hinzu kommt, die Menschen reagieren nicht alle gleich auf so eine außergewöhnliche Begegnung. Die einen sagen ja, die anderen nein. Du hast das ja schon gesagt bezüglich der Auferweckung des Lazarus: ‚Die einen glaubten, die anderen verklagten Jesus.

P. Rainer: Dasselbe geschah als Jesus die 5000 Leute satt gemacht hatte, die ihn dann zum König machen wollten, damit er ihr Leben zum Schlaraffenland mache. Jesus sagte ihnen: ‚Ihr sucht mich, weil ich euren Hunger mit Brot gestillt habe. Ich werde euch mein Fleisch zum Essen geben und mein Blut zum Trinken, und ihr werdet in Ewigkeit nicht sterben.‘ Und da endlich hatten die Pharisäer, die Intellektuellen, ihren Anlass gefunden, Jesus für verrückt zu erklären und alle folgen ihnen, nur seine engsten Anhänger blieben und Petrus, ihr Sprecher, sagte: ‚Auch wir verstehen nicht. Aber wohin sollen wir sonst gehen? Du allein hast Worte, die das Leben erklären. Es ist unmöglich, anderswo jemanden zu finden wie dich. Wenn ich dir nicht glaube, dann kann ich meinen eigenen Augen nicht mehr glauben, dann kann ich gar nichts mehr glauben.‘

Silvia: Gibt es denn keine Alternative zu Jesus?

P. Rainer: Die Alternative ist das Nichts, denn früher oder später fällt alles, was du hast und denkst und willst, ins Nichts. Alles ist nichts – oder dieser Mann da hat recht – das ist die Alternative.

Silvia: Also ist der christliche Glaube und damit das Bewusstsein meiner Bestimmung eine Frage meiner Entscheidung, ob ich ja oder nein zu Jesus sage.

P. Rainer: Richtig – genau hier setzt die Freiheit des Menschen ein, ja oder nein zu sagen. Gott zwingt niemanden. Das einzig Vernünftige aber ist das ‚JA‘

Silvia: Nur was ist mit den Menschen, die nie etwas von Jesus gehört haben? Denen es daher schwer fällt an Gott und Jesus zu glauben, aber die dennoch ‚christlich‘ leben, ihrem Nächsten helfen, wenn sie sehen, dass er Hilfe braucht, die die Nächstenliebe leben, ohne dabei Jesus als Vorbild zu haben, einfach weil sie es für richtig und wichtig erachten. Ich kenne einige Menschen, die sagen, dass sie nicht an Gott glauben können, die aber ‚christlicher‘ leben, als manch einer der sich als Christ bezeichnet.

P. Rainer: Du kennst doch sicherlich die Stelle bei Matthäus über das Weltgericht
(Mt 25,31-40): ‚Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit,

und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken. Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.
Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben, oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen, oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.‘
Siehst du: Diese Menschen, von denen du sprichst, sind die, die auf seiner Rechten Seite stehen, auch wenn sie es heute noch nicht wissen. Sie stehen Jesus sehr nahe.

Silvia: Du sagtest das einzig Vernünftige sei das JA zu Jesus. Wie meinst du das?

P. Rainer: Weil das, was Jesus dir vorschlägt, der Natur deines Herzens mehr entspricht als jede Vorstellung, die du dir machen könntest. Das, was Jesus sagt, entspricht deinem Durst nach Glück, nach Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Leben. Jesus entspricht all dem mehr als jede Vorstellung, die wir uns machen könnten.

Silvia: Meinst du?

P. Rainer: Denk, was du willst, aber nenne mir jemanden, der mehr ist als dieser Mensch, wie ihn das Neue Testament beschreibt! Du schaffst es nicht.

Silvia: Hat nicht auch das ‚Nein‘ zu Jesus seine guten Gründe?

P. Rainer: Das ‚Nein‘ erwächst nie aus Vernunftgründen, niemals! Es entsteht aus einem Vorurteil. Man hat sich schon seine eigene Meinung über Jesus gemacht. Jesus ist dann dem, was ich gerne hätte, entgegengesetzt: meinem Ich als Politiker, als Verliebter, als einem der Hunger nach Geld, Karriere, nach leichtem, gesundem Leben hat. Jesus ist dann ganz einfach dem entgegengesetzt, auf das ich meine Hoffnung setze. Diejenigen, die Jesus ablehnten, sagten nicht: ‚Das ist eine Illusion!‘ Nein, sie beeilten sich ihn anzuklagen. Warum? Weil sie schon auf etwas anderes aus waren.

Silvia: Und das ‚Auf etwas anderes aus sein‘ verstellt ihnen den unvoreingenommenen Blick auf Jesus.

P. Rainer: So ist es.

Silvia: Aber vielleicht fehlt vielen Menschen, vielleicht sogar den meisten, diese außergewöhnliche Begegnung, die sie zum Staunen, zum Fragen und schließlich zum Glauben führt.

P. Rainer: Kann gut sein. Und hier liegt die eigentliche Verantwortung von uns Christen.

Silvia: Die wäre?

P. Rainer: Den Menschen die Gelegenheit geben, Jesus zu begegnen, durch ihre außergewöhnliche Liebe zueinander und zu jedem Menschen. Dadurch stellen sie Jesus ihr eigenes Menschsein zur Verfügung, sodass er selbst wieder durch die Christen mitten unter den Menschen wohnen kann. Jede Begegnung, die wir mit den Menschen haben, könnte durch unsere außergewöhnliche Liebe zu einer außergewöhnlichen Begegnung werden, die die Menschen zum Staunen, zum Fragen und zum Glauben bringt.

Silvia: Und jetzt mal Butter bei die Fische – Frage: Wie war es bei dir mit der außergewöhnlichen Begegnung?

P. Rainer: Und ich gebe den Ball zurück: Hattest du im Leben eine außergewöhnliche Begegnung?

Silvia: Sollten wir diese Frage nicht das nächste Mal beantworten?

P. Rainer: Einverstanden! Diesmal ist es sowieso schon zu lange geworden.

Silvia: Das kann spannend werden.

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