Die Liebe als Erkenntnisquelle II

Silvia: Ich habe verstanden, dass es zum Glauben die meiste Vernunft braucht, eben weil der Glaube auf der Glaubwürdigkeit des Zeugen beruht. Ich habe Verstanden, dass der Glaube vermitteltes (durch einen Zeugen) Wissen ist. Und ich habe Verstanden, dass die echte selbstlose Liebe die tiefste Quelle des Erkennen ist, d.h. ich kann den Anderen nur dann in Wahrheit kennen, wenn ich ihn Liebe. Denn um den Anderen in seiner Tiefe zu erkennen, muss er sich mir öffnen. Er öffnet sich mir aber nur dann, wenn ich ihn liebe. Das tut jeder von uns: Wir öffnen uns nur dem, von dem wir uns geliebt wissen.
Meine Frage, die ich jetzt habe ist die: Ich glaube an Jesus. Er ist für mich absolut glaubwürdig und zwar gerade durch seine absolute Liebe, die ich so bei niemandem sonst gefunden habe und finde. Was tut nun jemand wie ich, der in eine tiefe persönliche Beziehung zu Jesus kommen will?

P. Rainer: Das erste ist das, was du sagst: Seine Liebe sehen und seine Worte deshalb als absolut glaubwürdig erkennen. Ich bin überzeugt, dass niemand aus sich selbst heraus dazu in der Lage ist, sondern dass dieser erste und grundlegende Schritt reines Geschenk Gottes ist.

Silvia: Und was ist mein Teil dabei?

P. Rainer: Ich denke, du hast irgendwann mal ‚Der kleine Prinz‘ gelesen.

Silvia: Ja hab‘ ich! Ist aber schon lange her.

P. Rainer: Vielleicht erinnerst du dich an zwei besondere Freundschaften, die der kleine Prinz gehabt hat: die mit der Blume und die mit dem kleinen Fuchs. Er hat beide als Freunde gewonnen, und ich meine, wir können daraus lernen, wie wir in eine enge Freundschaft mit Jesus kommen können.

Silvia: Wie meinst du das?

P. Rainer: Nehmen wir zuerst die Freundschaft mit dem kleinen Fuchs. Dem kleinen Prinz, der den kleinen Fuchs als Freund gewinnen will, rät dieser, sich in seine Nähe zu setzen, jeden Tag geduldig ein Stück näher. Wichtig sei dabei die Verlässlichkeit. Der kleine Fuchs müsse sich darauf verlassen können, dass der kleine Prinz täglich zur selben Stunde komme, damit er schon eine Stunde vorher anfangen könne, glücklich zu sein über das Kommen des kleinen Prinzen. Wichtig ist also die Verlässlichkeit denn, die Zeit die du scheinbar für den Freund verlierst und schließlich deine Verantwortlichkeit für den Freund.

Silvia: Was heißt ‚Verantwortlichkeit‘?

P. Rainer: Zu ihm stehen, durch ‚Dick und Dünn‘ mit ihm gehen, seine Sache zu deiner machen, eben: eine treu Antwort geben auf seine Liebe geben.

Silvia: Und was bedeutet das alles für meine Beziehungssuche bezüglich Jesus?

P. Rainer: Es gibt natürlich auch in Bezug auf Jesus die Liebe auf den ersten Blick, das Fliegen in seine Arme, aber für die meisten gilt die Methode, die der kleine Fuchs verschlägt: Sich Ihm mit Geduld annähern, eine feste tägliche Gebetszeit haben, sie pünktlich einhalten, treu darin sein, Ihm Zeit schenken und so immer vertrauter mit ihm werden, bis Er merkt, dass er sich auf dich verlassen kann, dass du zu Ihm stehst. Seine Sache zu deiner machst und das alles mit Herz, mit deinem ganzen Herzen.

Silvia: So etwas Ähnliches versuche ich, aber ich habe manchmal das Gefühl, er hört es nicht, nimmt mich nicht wahr, reagiert irgendwie nicht darauf

P. Rainer: Das meinst du nur es bedarf Ausdauer und Geduld, bis du ihn spüren und fühlen kannst. Es geht nicht schnell. Alles im Leben muss wachsen, auch das Vertrauen. Mit der Zeit merkst du wie du Ihm mehr vertraust, dich mehr auf Ihn verlässt, wie deine Sicherheit in Entscheidungen und in der Beurteilung der Dinge wächst, wie dein Herz weiter wird, geduldiger, barmherziger, wie du einfach mehr Mut hast und mehr Kraft, um zu lieben. 

Silvia: Und jetzt erzähl mir aber noch, wie der kleine Prinz die Freundschaft mit der Blume gewonnen hat.

P. Rainer: Indem er was für sie getan hat.

Silvia: Was für sie getan?

P. Rainer: Ja, sie wollte etwas zum Frühstück, da hat er sie mit frischem Wasser bedient. Sie fürchtete sich vor der Zugluft, da hat er sie mit einem Wandschirm geschützt. Genauso ist es bei Jesus: Er sieht deine Liebe an dem, was du für Ihn tust, wegen Jesus, für Ihn und weil du weißt, dass Er es von dir will.

Silvia: Zum Beispiel?

P. Rainer: Ich will Dir eine Sache aus der Zeit meiner ersten Liebe erzählen, etwas, das nicht von mir kam, sondern etwas das Seine Liebe in mir bewirkt hat.

Silvia: Oh bitte, erzähl!

P. Rainer: Zu einem Weihnachtsfest bekam ich einen tollen Parker geschenkt, den ich mir schon lange gewünscht hatte. Entweder war es noch an Weihnachten selbst oder kurz darauf, dass ich mit meinem neuen Parker auf dem Frankfurter Hauptbahnhof stand und auf meinen Zug wartete. Da sah ich nicht weit von mir einen Bettler, nicht mehr ganz nüchtern, nur mit einem Hemd. Er fror sichtbar. ‚Was ihr dem Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan‘, schoss mir das Wort Jesu durch den Kopf. Er ist Jesus – dieser Gedanke setzte sich in mir fest. Ich ging zu ihm, zog meinen Parker aus und zog ihn ihm an. Er hatte eine Fahrkarte nach Düsseldorf. Ich suchte den Zug, ging mit ihm auf den Bahnsteig und setzte ihn in den Zug, der gleich darauf abfuhr.
Nun stand ich im Hemd auf dem Bahnsteig, frierend, aber im Herzen voller Glück und Wärme.

Silvia: Weißt du noch so was?

P. Rainer: Es läutete die Pforte. Wir saßen gerade beim Mittagessen. Ich ging und öffnete: Auf dem Boden lag ein Betrunkener. Hinter ihm stand ein Polizist. ‚Könnt ihr den aufnehmen?‘, fragte er. Wir waren in der Stadt dafür bekannt, dass Bettler bei uns ankommen könnten. Ich sagte spontan JA, worauf der Polizist sich bedankte und mit einem Gruß mich mit dem Mann auf dem Boden allein ließ. Dieser stank fürchterlich. Jung und stark wie ich damals noch war, nahm ich ihn auf meine Arme und trug ihn einen Stock höher in das Bad, ließ Wasser in die Wanne laufen, legte ihn ins Wasser und badete ihn, da kamen seine Lebensgeister zurück, er wurde sogar richtig fröhlich. Seine Kleider warf ich in den Müll, gab ihm von den meinen und legte ihn in mein Bett, wo er drei Tage richtig ausschlief. Danach wollte er weiter. Nach zwei Wochen erhielt ich von irgendwo eine Dankkarte von ihm. Aber glaub mir: Ich war hundertmal mehr beschenkt als er. In meinem Herzen spürte ich, dass die Einheit mit Jesus gewachsen war.

Silvia: Dass die Einheit mit Jesus wächst, das ist mir nicht ganz fremd.

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