Thema: Die Liebe als Erkenntnisquelle

SILVIA: Heute wollten wir über die Liebe als eine ganz eigene Quelle der Erkenntnis sprechen, die über die Vernunft hinausgeht. Ich bin neugierig.

P. Rainer: Zunächst ist es gut, uns zu vergewissern, was wir mit ‚Liebe‘ meinen, denn es herrschen ja ganz verschiedene Vorstellungen davon.

Silvia: Die meisten meinen wohl, Liebe sei ein gewisses schönes Gefühl, das man für einen anderen empfindet. Aber das meinst Du wohl nicht, oder?

P. Rainer: Liebe, über die wir heute sprechen wollen, ist die höchste Form, in der sich menschliche Liebe ausdrückt.

Silvia: Und die ist?

P. Rainer: Auf Lateinisch heißt Liebe ‚Caritas‘. Caritas aber leitet sich vom griechischen Wort ‚Caris‘ ab, was soviel wie ‚gratis‘ oder ‚unentgeltlich‘, ‚umsonst‘ bedeutet. Liebe, von der wir hier sprechen, ist also Unentgeltlichkeit, die jegliche Berechnung ausschließt. Sie schließt jede Erwartung einer Belohnung aus, jegliches Schielen auf einen eigenen Vorteil. Sie beinhaltet das völlige Fehlen von Gründen, welche für die Vernunft einsichtig und erklärbar wären.

Silvia: An welche Vernunftgründe denkst Du?

P. Rainer: Normalerweise handelt der Mensch so, dass er bei allem einen Vorteil für sich sucht. Das heißt: Er berechnet, er erwartet, er will eine Erwiderung: z.B. einen Lohn für seine Arbeit oder eine Verbundenheit für ein Geschenk, eine Form von Zuneigung, oder eine Mitarbeit in bestimmten Dingen. Die Liebe aber hebt jede Art von Erwiderung völlig auf, aber wirklich völlig im absoluten Sinn des Wortes: total.
Die Liebe handelt einfach, weil sie lieben will, basta! Die Liebe genügt sich selbst. Die Liebe ist ‚grundlos‘.

Silvia: Und wenn ich liebe und keine Anerkennung bekomme?

P. Rainer: Egal, tue es dennoch!

Silvia: Ganz schön schwer!

P. Rainer: In der Tat! Aber was ist Liebe, wenn nicht das Streben nach dem Wohl des anderen? Es geht bei der Liebe nicht darum, dass ich etwas bekomme, sondern der andere.

Silvia: Das kann aber doch nicht Liebe sein, dem anderen alles zu geben, was er will.

P. Rainer: Natürlich nicht! Die Liebe sucht das Gute des anderen, nicht seine Verwöhnung oder einfach Zufriedenstellung.

Silvia: Und was ist das Gute des anderen?

P. Rainer: Seine Bestimmung, die er von Gott erhalten hat.

Silvia: Seine Bestimmung? Was ist denn das?

P. Rainer: Seine Beziehung zu Jesus, die jeder hat, ob er es weiß oder nicht. Und diese Bestimmung seiner Beziehung zu Jesus, seiner einzigartigen und einmaligen Beziehung zu Jesus, ist zugleich das Glück, das er in seinem ganzen Leben bewusst oder unbewusst sucht.

Silvia: Liebe bedeutet also, das Wohl des anderen zu suchen, das heißt: seine Beziehung zu Jesus.

P. Rainer: Richtig! Du liebst, wenn Du durch Dein Denken und Sprechen, durch Dein Tun und Dein Verhalten den anderen in seiner Beziehung zu Jesus förderst. Denn das Glück des anderen ist die Aufgabe, die Gott uns anvertraut hat.

Silvia: Da muss ich nochmal gründlich darüber nachdenken. Denn das gilt ja dann auch für mich selber: Ich liebe mich selbst nur dann wirklich, wenn das, was ich tue, mich in der Beziehung zu Jesus weiterbringt, bzw. wenn ich dadurch die Aufgabe erfülle, die Gott mir anvertraut hat?

P. Rainer: So ist es! Und die eigentliche Aufgabe Deines Lebens ist, Jesus ähnlich zu werden, in Deinem Verhalten und in den Umständen Deines Lebens.

Silvia: Das ist gewaltig! Ist das nicht Überfoderung?

P. Rainer: Eine Überforderung, wenn Du es nicht willst, sondern Karriere, Anerkennung, Geld und Genuss suchst. Ein Glück und eine Freude, wenn Du die Erfüllung Deines Lebens in echter Liebe suchst, die Jesus ist. Dann hast Du dazu noch einen unüberbietbaren Vorteil: Dieses Glück endet nie und wird in der Begegnung mit Jesus von Angesicht zu Angesicht seinen absoluten und ewigen Höhepunkt finden. Von den anderen Glücksversprechungen aber wissen wir, dass sie zum Ersten sehr kurzlebig sind und zum anderen betrügerich.

Silvia: Danke! Für Heute habe ich genug zum Nachdenken und zum Verdauen. Bis zum nächsten Monat werden dann sicher noch andere Fragen kommen.

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