Glaube und Vernunft II

Nochmal zu Vernunft und Glauben

Silvia: In der Methode des Glaubens kommt die Vernuft am meisten zur Geltung – kannst Du dazu noch etwas sagen?

P.Rainer: In der Mathematik z.B. brauchst Du ganz bestimmte Hirnwindungen – mehr nicht. Wenn Du aber einer Person glaubst, die Dir sagt: ‘Folge mir nach!‘, dann werden alle Deine Hirnwindungen gebraucht, Dein ganzer Körber, Deine ganze Seele und alles, was damit zusammenhängt: Vernunft, Augen, Ohr, Hände, Füße, einfach alles.

Silvia: Also wird im Glauben die Vernunft nicht beiseite gelegt?

P. Rainer: Im Gegenteil! Sie kommt voll zur Geltung, sie kommt zum vollen und umfassenden Einsatz. Die anderen Methoden der Vernunft machen nur von einem Teil des Menschen Gebrauch. Die Methode des Glaubens aber gebraucht den ganzen Menschen.

Silvia: Weil man einem Zeugen vertrauen muss?

P. Rainer: Genau! Und um einem Zeugen vertrauen zu können musst Du Dich mit deiner ganzen eigenen Person einsetzen. Es braucht deine Ehrlichkeit, den Schaftsinn deiner Beobachtung, den Schatz deiner Erfahrungen, deine Liebe zur Wahrheit, die stärker sein muss als Sympathie und Antipathie. Wenn Du mit deinem Handy spielst, müssen nicht alle Faktoren deiner Person ins Spiel kommen.

Silvia: Ich habe verstanden, dass ich durch den Glauben, bzw. durch das Vertrauen, also auf indirekter Weise, durch Zeugen, die meisten Dinge dieses Lebens kennenlerne. Wenn das so ist, und wenn im Vertrauen meine Person beteiligt ist, dann lerne ich also viel mehr Dinge kennen, wenn ich mehr vertrauen kann?

P. Rainer: Genauso ist es! Wenn ich Z. B. böse wäre, hätte ich viel mehr Mühe, Vertrauen zu schenken und würde weniger Dinge kennenlernen. Wenn ich krankhaft wäre, wäre das genauso. Wer sich selbst nicht in der Hand hat und moralisch nicht integer ist muss sich wesentlich mehr anstrengen, um abzuschätzen, ob er dem anderen vertrauen kann oder nicht. Wer selbst in Unordnung oder krankhaft ist, traut niemals und neimanden. Und dadurch kappt er sich von den Vernetzungen des Lebens ab.

Silvia: Mir ist klargeworden, dass ich selbst ehrlich und integer sein muss, um vertrauen zu können. Aber ebenso wichtig ist die Glaubwürdigkeit des anderen, des Zeugen, dem ich vertrauen soll, dass es wahr ist, was er mir sagt.

P. Rainer: Stimmt! Man kann jemanden unvernünftigerweise oder vernünftigerweise Vertrauen, auf falsche oder auf richtige Weise. Viele z.B. lassen sich an der Nase herumführen, d.h. betrügen, weil sie ihr Vertrauen fälschlicherweise in diejenigen setzen, die meinungsführend sind, in Journalisten und Fernsehnen.

Silvia: Und wann kann ich einem Zeugen wirklich vertrauen?

P. Rainer: Wenn Du sicher bist, dass diese Person weiß was sie sagt, und wenn sie dich nicht betrügen will.

Silvia: Und wenn ich dann trotzdem nicht vertraue?

P. Rainer: Dann gehst Du gegen dich selbst an und gegen das Urteil, das Du getroffen hast, nämlich dass diese Person weiß, was sie sagt und dich nicht betrügen will.

Silvia: Aber manchmal sagt einem der Verstand und auch zum Teil die Erfahrungen, die man durchaus mit einer Person gemacht hat: ‚der ist aufrichtig und ehrlich zu Dir‘, aber dem gegenüber stehen dann doch noch Erfahrungen aus der Vergangenheit entgegen, die einen dann hintern zu Vertrauen. Dann muss man gewissermaßen gegen die Vernunft entscheiden.

P. Rainer: Stimmt, es kommt vor, dass wir durch alte Erfahrungen Einschränkungen erfahren. Dann bedarf es Geduld und auch wieder alle Sinne, um diesen schlechten Erfahrungen eine entsprechende Anzahl an guten Erfahrungen entgegen zu stellen. Man braucht dann einfach etwas länger für den Weg der vor einem liegt.

Silvia: Wie erlangt man Vertrauen?

P. Rainer: Durch die Übereinstimmung deiner Vernunft mit einer Überzeugung, zu der Du entweder durch die Evidenz, die Offensichtlichkeit, also auf direktem Wege gelangst oder durch einen Zeugen, d.h.  auf indirekte Weise.

Silvia: Brauche ich Zeit zum Vertrauen?

P. Rainer: Manchmal hast Du es sofort, manchmal erst in Folge eines Zusammenlebens. Ich will Dir ein Beispiel geben:
Wenn Du mit einer Straßenbahn fährst, vielleicht sogar in Rom oder Neapel, dann steigst Du ein, sagst nichts und passt auf deinen Geldbeutel, deine Papier und dein Gepäck auf. Du traust niemanden. Wenn Du aber mit Freunden eine Wallfahrt nach Marienthal per Zug machst, dann sagst Du während der Fahrt: ‚Ich geh mal kurz raus‘ und Du lässt Dein Gepäck mitsamt deiner Papiere in und deinem Geld im Abteil. Und tatsächlich: Du kommst zurück und findest alles wieder.
Hast Du verstanden`

Silvia(lacht): Ich habe kapiert. Meine Mutter sagte immer: ‚Trau, schau wem!‘

P.Rainer: Dar nächste Mal müssen wir unbedingt über die Liebe sprechen als eine ganz eigene Quelle der Erkenntnis, die über die Vernunft hinaus geht.

Silvia: Da bin ich aber gespannt.

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