Geschichte

Über die Entstehung der Marienthaler Wallfahrt wird folgendes berichtet: Man schrieb das Jahr 1309, als der erste Wallfahrer nach Marienthal kam und vor dem Marienbilde niederkniete und die Mutter des Herrn um ihre Fürbitte bat. Es war ein Jäger, Hecker Henn mit Namen, der im Dienst des Junkers Hans Schaffrait stand. Durch einen Unfall hatte er das Augenlicht verloren. Bei den Ärzten fand er keine Hilfe.

Das Gnadenbild der Schmerzhaften Gottesmutter

Da erinnerte er sich des unscheinbaren Marienbildes, das in einem stillen Waldtal an einem Baum befestigt war. Voll Vertrauen wollte er noch einmal dorthin geführt werden, um dort zu beten. Und wie die alten Chroniken berichten, wurde er erhört. Als er sich vom Gebet erhob, sah er klar und deutlich wie früher.

Diese auffallende Heilung veranlaßte den Junker Hans Schaffrait 1313 eine Kapelle zu bauen, in welche das Marienbild - eine Darstellung der Schmerzhaften Mutter, die ihren toten Sohn auf dem Schoß trägt - übertragen wurde. Da sich immer neue wunderbare Heilungen ereigneten und immer mehr Leute in das entlegene Tal kamen, um hier Maria zu verehren und ihr die Sorgen und Nöten anzuvertrauen, wurde schon nach wenigen Jahren (1326) mit dem Bau der Kirche begonnen, die der Erzbischof Balduin von Trier, der damals Administrator des Erzstiftes Mainz war, am 8. September 1330, am Fest Mariä Geburt, einweihen konnte.

Von 1330 bis Mitte des 15. Jahrhunderts besorgten Weltpriester die Wallfahrt. Inzwischen waren die Lehren von Petrus Waldus, von Wiclif und Hus bis an den Rhein vorgedrungen. Im Verein mit dem damaligen ohnehin schwachgläubigen Zeitgeist entstand eine starke Verflachung des religiösen Lebens. Anfangs 1463 kam die Wallfahrt nach Marienthal ganz zum Erliegen.

Dieser ungute Zustand sollte aber nicht lange dauern. 1463/1465 wurden die Brüder vom Gemeinsamen Leben, eine im 14. Jahrhundert entstandene Priesterfraternität, aus Köln nach Marienthal berufen. Diese Ordensleute, auch Fraterherren und nach ihrer kugelförmigen Kopfbedeckung Kogelherren oder Kugelherren genannt, wirkten in Marienthal überaus glücklich und tüchtig. Sie bemühten sich sehr erfolgreich um die Volksbildung und um die Jugend des Rheingaues. Von ihnen wurde im Jahre 1468 eine Druckerei unter dem Namen "Marienthaler Presse" eingerichtet. Sie war die erste Klosterdruckerei der Welt, die sechste Druckerei auf deutschem Boden und siebente in Europa, 28 Jahre nach der Erfindung der Buchdruckerkunst durch Johann Gutenberg.

Bald nach dem Beginn der Reformation gerieten die Kogelherren in Marienthal in arge Bedrängnis. Sie wurden zu Fronen und Kriegslasten herangezogen. Unter dem Druck wirtschaftlicher Not sahen sich die Kogelherren alsbald gezwungen, Marienthal zu verlassen (etwa um 1550).

Etwa zur gleichen Zeit wurden aus dem Kloster Pfaffenheim-Schwabenheim die Augustinerchorherren vertrieben. Fünf von ihnen kamen nach Marienthal und errichteten hier ein Priorat. 1568 wurden sie vom Erzbischof Daniel von Mainz in ihr Wallfahrtsamt eingeführt. Doch diese Chorherren wurden nicht glücklich in Marienthal. Die Menschen der damaligen Zeit kümmerten sich kaum noch um die Religion. Man wallfahrte nicht mehr. Und als in der Folgezeit auch die Zahl der Chorherren immer mehr zurückging, fand es der Mainzer Erzbischof Wolfgang von Dalberg (gestorben 1601) für richtig, das Marienthaler Priorat ganz aufzulösen.

Die Votivtafeln in der Wallfahrtskirche zeugen von vielen Gebetserhörungen

Am 3. Dezember 1612 erhielten die Jesuiten auf Bitten des Rektors des Mainzer Jesuitenkollegs durch Urkunde des Erzbischofs Johann Schweikkard von Mainz das Kloster und die Wallfahrtsstätte. Sie ließen den Gnadenort wiederherstellen und verschönern. Und es gelang ihnen in kurzer Zeit, die alte Wallfahrtsstätte wieder zu neuer Blüte zu bringen. Aus einer gottarmen Zeit erwuchs wieder religiöses Leben und Liebe auch zur Gottesmutter. Die Chronik aus damaliger Zeit berichtet von vielen Gebetserhörungen, die den Pilgerstrom nach Marienthal wesentlich verstärkten.

Als 1626 die Pest auch im Rheingau wütete und viele Todesopfer forderte, stellte sich die Bürgerschaft von Mainz in einer öffentlichen Feier unter den Schutz der Gottesmutter von Marienthal. Auch die Geisenheimer Gemeinde zog in einer Bittprozession zur Gnadenmutter. Bald darauf hörte die Seuche auf.

Schweren Schaden erlitt die Wallfahrtsstätte durch eine Feuersbrunst 1624 und bei den verschiedenen Heimsuchungen des Dreißigjährigen Krieges. Trotz alledem hielten die Jesuiten die Wallfahrt auf einer beachtlichen Höhe.

Da kam 1773 die Aufhebung des Jesuitenordens. Das bedeutete auch für Marienthal eine tragische Stunde. Am. 20. Dezember bereits wurde "durch höchste Willensmeinung des hochwürdigsten Herrn Erzbischofs" das Gnadenbild in die Pfarrkirche Geisenheim übertragen.

Ein Gemälde der halb zerfallenen Kirche und der Linde

Die Wallfahrtskirche sollte nun abgerissen werden. Beim Abbruch aber ereignete sich ein schweres Unglück: am 15. September 1782 wurde der Maurer Kaspar Eisenbach aus Stephanshausen von dem einstürzenden Gewölbe erschlagen. Lähmendes Entsetzen erfaßte die übrigen Arbeiter. Sie sahen im Tod ihres Kollegen einen Fingerzeig Gottes und verweigerten den weiteren Abbau der Wallfahrtskirche. So blieb sie dann als Ruine stehen. Viele Pilger aber kamen nach wie vor und beteten an der Stelle, wo das Gnadenbild gestanden hatte.

Marienthal kam dann in den Besitz verschiedener Herren. Unterdes war im Mittelschiff der halbzerstörten Kirche aus dem Schutthaufen des eingestürzten Gewölbes eine prächtige Linde gewachsen, die mit ihrem grünen Blätterdach das geheimnisvolle Marienheiligtum deckte.

64 Jahre währte dieser traurige Zustand des Gotteshauses, bis 1846 Kirche, Kloster und alle Liegenschaften durch Kauf an den Staatskanzler Fürst von Metternich übergingen. Baron von Maltitz, vorher preußischer Gesandter in Petersburg, bot 1857 dem dritten Bischof von Limburg, Peter Josef Blum -einem gebürtigen Geisenheimer-, die Mittel zum Wiederaufbau des Gotteshauses an. Fürst Clemens Lothar von Metternich gab mit Freuden seine Zustimmung und gewährte ebenfalls reichliche Beisteuer

Am 8. September 1858 -am Fest Mariä Geburt- , am gleichen Tage, an dem das Gotteshaus vor 528 Jahren durch den Erzbischof Balduin erstmals geweiht worden war, erfolgte die Konsekration der neuen Kirche durch den Bischof von Limburg, Peter Josef Blum. Bei diesem feierlichen Geschehen brachte eine Prozession von vielen tausend Pilgern das Gnadenbild von Geisenheim wieder zurück nach Marienthal.

Die Immaculata-Statue wurde aus der alten Linde geschnitzt

Aus dem Lindenbaum, der Jahrzehnte das zerstörte Heiligtum überdachte, wurde die Immaculata-Statue geschnitzt, die hoch oben in einer Nische des Klosters, -etwa gegenüber der heutigen Beichtkapelle- ihre Aufstellung gefunden hat.

Für kurze Zeit besorgten Weltpriester und die wieder zugelassenen Jesuiten die Wallfahrt. 1873 übernahmen dann die Franziskaner den altehrwürdigen Wallfahrtsort. Aber auch die Franziskaner sollten sich zunächst nicht ungetrübt ihrer neuen Arbeitsstätte erfreuen. Durch Verfügung der königlichen Regierung wurde am 16.8.1875 die Franziskanerniederlassung aufgelöst (Kulturkampf). Nur Pater Guido Keller durfte unter mancherlei Schwierigkeiten verbleiben.

Nach dem Kulturkampf wurden die Franziskaner alsbald wieder zugelassen. 1888 wurde das Kloster Residenz, 1906 zum Konvent erhoben und unter die Leitung eines Guardians gestellt. Seit dieser Zeit bemühen sich die Franziskaner um die Seelsorge des ihnen anvertrauten Gnadenortes zur Ehre Gottes und zum Lob der lieben Schmerzhaften Mutter Gottes von Marienthal.

 



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