Aktuelles

Freiheit

Thema: Freiheit

Silvia: Das letzte Mal haben wir darüber gesprochen, wie wir in eine persönliche Beziehung zu Jesus kommen können.Aber ich frage mich, ob es eine persönliche Beziehung zu Jesus überhaupt braucht. Die meisten Menschen leben doch ganz gut ohne sie. Es scheint ihnen nichts zu fehlen.

P. Rainer: Ohne Beziehung zu Jesus verfehle ich mein Leben. Die Beziehung zu Jesus ist die Bestimmung eines jeden Menschen.

Silvia: ???

P. Rainer: Was ist?

Silvia: Die Beziehung zu Jesus ein Muss für jeden Menschen? Ist das nicht ein bisschen übertrieben?

P. Rainer: Du meinst, dass dadurch dem Menschen die Freiheit genommen wird?

Silvia: Ist das nicht so?

P. Rainer: Ich merke, dass wir zuerst über die Freiheit des Menschen reden müssen, bevor wir über seine Bestimmung sprechen. Denn unsere Bestimmung erreichen wir nur über unsere Freiheit.

Silvia: Das versteh ich nicht.

P. Rainer: Was meinst du, was Freiheit ist?

Silvia: Freiheit ist tun und lassen können, was man will, das was man denkt, das richtig ist und wählen können.

P. Rainer: So denkt man normalerweise. Aber sag mir: Freiheit ist doch etwas durchaus Positives?

Silvia: Ja sicher! Freiheit gehört zur Menschenwürde.

P. Rainer: Trotzdem, meinst du, dass das Böse wählen zu können, Freiheit ist?

Silvia: Ja, sicher!

P. Rainer: Ich meine nicht, zumindest ist es eine sehr unvollkommene, wenn nicht pervertierte Freiheit. Ich will dir ein krasses Beispiel machen: Angenommen, jemand geht am Rhein spazieren und sieht, wie direkt neben ihm ein Kind in den Fluss fällt. Um das Kind zu retten, bräuchte er nur einen Schritt tun, die Hand ausstrecken, das Kind ergreifen und aus dem Wasser ziehen. Aber er tut es nicht, weil es das Kind seines Feindes ist und er sich freut, wenn sein Feind Schanden und Leid erfährt. Ist das Freiheit, obwohl hier die Freiheit doch etwas total Negatives ist?

Silvia: Das ist keine Freiheit, das ist ein Verbrechen, eine missbrauchte Freiheit.

P. Rainer: Eine missbrauchte Freiheit aber ist keine Freiheit mehr, wie das Streicheln, wenn es zum Schlagen wird, kein Streicheln mehr ist.

Silvia: Dann wäre Freiheit im eigentlichen Sinn nur dann gegeben, wenn sie das Gute beinhaltet?

P. Rainer: So ist es! Um Nein zum Guten zu sagen, braucht man eine vorgefasste Meinung. Man muss an etwas festhalten, das man verteidigen möchte. Wenn man aber durch eine vorgefasste Meinung oder durch ein Interesse, das man durchdrücken will, in seiner Freiheit eingeengt ist, ist man nicht mehr frei. Wenn man etwas tun muss, sei es aus einer vorgefassten Meinung, aus einem Interesse, aus einem Trieb, einer Sucht, einer Lust heraus, ist man nicht mehr frei.

Silvia: Kannst du das an einem konkreten Beispiel verdeutlichen?

P. Rainer: Ich erzähl dir gleich zwei:
Du kennst sicher die Auferweckung des Lazarus aus dem Johannesevangelium. Genau in dem Augenblick, als Jesus sein größtes Wunder gewirkt hat, - das so offensichtlich war wie der Tod – , haben viele gesagt: „Das ist wahr!“ Andere aber sind hingegangen, um Jesus anzuklagen, aus Hass, aus einer vorgefassten Meinung oder aus einem Interesse heraus. Siehst du: Diejenigen, die Jesus anklagten, waren nicht frei. Sie waren nicht frei, um das offensichtlich Gute, Wahre und Schöne anzunehmen. Sie hatten eine vorgefasste Meinung, ein Interesse – nämlich das der Beseitigung Jesu – oder eine Wut im Bauch, und dadurch suchten sie verbissen das zu erreichen, was sie erreichen wollten. Deshalb konnte das nicht sein, was nicht sein durfte.

Silvia: Und das andere Beispiel.

P. Rainer: Louis Pasteur, der die Mikroben entdeckt hat (vielleicht die revolutionärste Entdeckung in der Medizin überhaupt), wurde so heftig bekämpft, dass man ihn sogar in die Irrenanstalt stecken wollte. Und wer wollte das tun? Nicht die Unwissenden – übrigens macht auch Unwissenheit unfrei – sondern die, denen die Wahrheit seiner Entdeckungen eigentlich hätte einleuchten müssen: die Doktoren und Professoren der Akademie der Wissenschaften in Paris! Und warum stimmten sie nicht zu? Weil sie, wenn sie zugestimmt hätten, sich von ihrem Lehrstuhl, ihrem Gehalt und ihrem Ruf hätten verabschieden müssen. Das wäre für sie demütigend gewesen. Und um sich diese Demütigung zu ersparen, haben diese Wissenschaftler gegen die Wahrheit gekämpft. Sie waren nicht frei. Sie hielten an ihrer vorgefassten Meinung fest.

Silvia: Ich glaube, ich habe verstanden: Um frei zu sein, darf man nicht gebunden sein, weder durch eine vorgefasste Meinung, noch durch Interessen, noch durch Triebe, Sucht, Lüste. Wenn ich unbedingt etwas haben oder darstellen will, bin ich nicht mehr frei, und ich bin auch nicht frei, wenn ich unbedingt etwas sehen, hören, essen oder empfinden will.

P. Rainer: Und wie gesagt: Auch die Unwissenheit macht unfrei. Denn ich kann mich nur dann in Freiheit für einen Weg entscheiden, wenn ich den Weg kenne.

Silvia: Aber gibt es diese Freiheit überhaupt? Gibt es einen Menschen, der durch keine Gebundenheit oder Unwissenheit eingeengt ist?

P. Rainer: Hier auf Erden gibt es diesen vollkommenen Menschen mit vollkommener Freiheit nicht. Der Mensch ist erst dann vollkommen frei, wenn er seine Bestimmung erreicht hat, die Jesus ist. Aber darüber das nächste Mal. Aber auch für dich Silvia, gibt es Momente, in denen du schon jetzt vollkommen frei bist.

Silvia: Und wann sind diese Momente?

P. Rainer: Wenn du liebst! Wenn der Mensch liebt – das haben wir das vorletzte Mal gesehen – ist er ohne eigenes Interesse, ohne Absicht, frei von sich selbst. Edith Stein sagt: „Die Liebe ist das Freiste, das es gibt.“

Silvia: Das leuchtet mir ein.

P. Rainer: Das nächste Mal also über die Beziehung zwischen Freiheit und unserer Bestimmung, die Jesus ist.

Silvia: Ich bin gespannt!

06171 Besuche06171 Besuche06171 Besuche06171 Besuche06171 Besuche