Der Wallfahrtsort

Das Gnadenbild

Stele mit dem Gnadenbild in der Wallfahrtskirche

Das Gnadenbild von Marienthal ist ein kleines Vesperbild. Es stellt Maria dar, wie sie nach der Kreuzabnahme ihren toten Sohn auf dem Schoße trägt. Es ist eines der frühesten Vesperbilder, seine Verehrung begann den Überlieferungen nach im Jahre 1309.

Dem Gnadenbild liegt ein Gedanke zugrunde, von dem sich schon immer die Künstler gerne leiten ließen, wenn sie die Passion Christi darstellten: die Zusammenschau von Leid und Verklärung. So wird Christus am Kreuz oft dargestellt als Sieger und König, um darzutun, dass sein Leid der Übergang in seine Königsherrlichkeit war. Ähnlich wurde auch Maria in ihrer Passion als die königliche Frau gesehen, die durch ihre Teilnahme am Opfer Christi auch Teilnehmerin seiner Herrlichkeit geworden ist

 

Detailaufnahme des Gnadenbildes

Von da aus ist auch das Gnadenbild von Marienthal zu verstehen. Der Künstler wollte Maria nicht darstellen als die vom Leid gebeugte Frau, die von Tränen überströmt ihren Sohn betrauert und beklagt, sondern sie thront wie eine Königin, ist angetan mit Gewändern von königlicher Vornehmheit. Über ihren Zügen liegen Anmut und Ruhe. Ihr Blick geht in die Weite - das Leid ist bereits von der Verklärung überwunden. Freilich ist sie auch nicht teilnahmslos. Innig umfassen ihre Arme die Last. Die rechte Hand stützt das Haupt des Sohnes und hebt es zu sich empor. Den heiligen Leib bettet sie in ihren Mantel.

Der Leichnam Jesu ist, wie man das damals gerne tat, zu klein dargestellt, um auszudrücken, daß es das Kind ist, das die Mutter hier beweint. Er ist gezeichnet von allen Merkmalen des Leidens. Verkrampft reihen sich die Rippen, starr und knöchern liegen die Arme. Die Wundmale sind übergroß und strahlenförmig vom Blut überflossen. Aber die Leiden berühren den Herrn nicht mehr. Vom Leid erlöst, ruht er auf dem Schoß der Mutter. Über dem Antlitz Christi liegt Ruhe.

Großaufnahme des Gnadenbildes bei einer Prozession

Ruhe, Ausgeglichenheit, verklärtes Leid, diesen Eindruck will das Bild machen. Wir können es daher deuten als eine Darstellung Mariens, die in der Stunde von Golgatha das Opfer ihres Sohnes mitvollzog und so die königliche Frau geworden ist, die dem Pilger davon spricht, daß der Weg des Kreuzes der Weg zur Herrlichkeit ist, und daß "die Leiden dieser Zeit nicht zu vergleichen sind mit der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll."

So trägt das Bild auch zu Recht eine Krone. Ob das immer so war, läßt sich nicht sagen. In einem Inventar, das 1773 nach der Vertreibung der Jesuiten aufgestellt wurde, wird auch eine "silberne Kron aufs Gnadenbild" erwähnt. 1908 erbat man sich von Rom die Erlaubnis, das Bild feierlich krönen zu dürfen, was dann 1909 in einer großen Feier geschah.