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Thema: Außergewöhnliche Begegnungen mit Jesus

Silvia: Das letzte Mal sagtest du, dass die Menschen außergewöhnliche Begegnungen brauchen, um JA zu Jesus zu sagen. Begegnungen die zum Staunen, Fragen und schließlich zum Glauben führen.

P. Rainer: Genau, Begegnungen, in denen uns Jesus begegnet ist oder wo uns Menschen begegnet sind, durch deren außergewöhnliche Liebe eine Begegnung außergewöhnlich wurde und Jesus dadurch unter uns Menschen sichtbar und spürbar wurde. Diesmal wollten wir uns über unsere außergewöhnlichen Begegnungen unterhalten. Ist dir dazu etwas eingefallen?

Silvia: Ich bin mir da nicht so sicher. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich dafür nicht so den rechten Blick habe. Vielleicht ist es für mich besser, erst mal ein Beispiel von dir anzuhören. Vielleicht fällt mir dann mehr dazu ein.

P. Rainer: Außergewöhnliche Begegnungen mit Jesus können direkt oder indirekt geschehen. Direkt sind die Begegnungen, wenn uns im Augenblick der Begegnung bewusst ist: Das war eine Begegnung mit Jesus. Das heißt: In diesem Ereignis ist mir die Person Jesu bewusst präsent.
Indirekt sind die Begegnungen mit Jesus, wenn uns zwar nicht im Moment, aber im Nachhinein dann bewusst wird: Hier hatte Jesus seine Hand im Spiel.
Wenn ich auf mein Leben zurückschaue, möchte ich mit den indirekten außerordentlichen Begegnungen mit Jesus Beginnen:
Mein früheste Erinnerung einer solchen Begegnung ist diese: Ich weiß nicht mehr genau, wie alt ich war, wahrscheinlich so 5 oder 6 Jahre. Es war Herbst, regnerisch, und der Boden unseres Rübenackers war aufgeweicht. Ich half meinem Vater, Rüben auf einen eisenbeschlagenen Wagen zu laden. Als er voll war und wir nach Hause fuhren, setzte ich mich nicht zu meinem Vater auf den Traktor, sondern auf die Deichsel, dem Verbindungsstück zwischen Traktor und Wagen, wie ich das gerne tat. Mein Vater fuhr los. Wohl weil ich nicht genug aufpasste oder irgendwie übermütig war, fiel ich von der Deichsel und geriet unter den Wagen. Mein Vater bemerkte nichts, weil er konzentriert aufs Fahren war. Ich möchte jetzt nichts Falsches sagen, aber woran ich mich klar erinnere, war, dass ich mich verzweifelt gegen die eisenbereiften Räder wehrte. Kurz danach muss mein Vater wohl nach mir geschaut haben. Als er mich nicht auf der Deichsel sitzend sah, hielt er an, stieg von Traktor, sah mich auf dem Boden liegen, hob mich auf, setzte mich neben sich auf den Traktor, und wir fuhren nach Hause. Er sprach kein Wort, ich auch nicht. Als wir auf den Hof ankamen, stand meine Mutter da und sagte: ‚Ihr seid ja beide käseweiß!‘
Erst später wurde mir klar, dass hier Jesus eingegriffen hatte um mich am Leben zu erhalten.

Silvia: Da hast du aber einen guten Schutzengel gehabt, hast du noch ein Beispiel für mich?

P. Rainer: Ja, als ich vielleicht 15 Jahre alt war. Mein Vater bat mich, in den ‚Weihersgraben‘ zu fahren und dort den Acker zu walzen. Um dorthin zu gelangen, musste ich auf die andere Seite eines Bahndamms einer häufig befahren Zugstrecke. Ich musste über einen Bahnübergang fahren, bei dem der Bahnwärter die Schranke, wenn man sich bemerkbar machte, öffnete und wieder schloss. Ich fuhr also in den Weihersgraben, walzte die beim Pflügen entstanden großen Schollen mit drei hintereinander laufenden, großen, schweren Eisenwalzen klein und fuhr wieder zurück. Ich war nicht weit von Zuhause entfernt, als ich hinter mich sah und feststellte, dass eine von diesen drei großen Eisenwalzen fehlte. Eigentlich wollte ich die beiden Walzen, die noch am Traktor hingen, erst nach Hause fahren, und dann die fehlende zu suchen. Eine innere Stimme drängte mich heftig, die beiden Eisenwalzen sofort abzuhängen und zurückzufahren, was ich auch tat. Als ich zum Bahnübergang gelangte, fand ich die Walze: Sie hatte sich bei der Überfahrt über die Schienen durch das Holpern aus der Verankerung gelöst, war von der Fahrbahn gerollt und lag nun zwischen den Schienen. Hinter einer Kurve hörte ich bereits das Pfeifen eines Zuges. Ich hatte keine Zeit mehr zum Denken, sprang vom Traktor, die kleine Böschung hinunter, über das Drahtgestänge, packte die Anhängevorrichtung der Walze und zog sie mit äußerster Kraftanstrengung über die Schienen, als auch schon der Zug mit lautem Pfeifen an mir vorbeisauste, mit vielen Personenwagen. Ein paar Sekunden später – und ich weiß nicht was geschehen wäre. Auch hier ist mir erst im Nachhinein bewusst geworden, dass Jesus helfend und schützen eingegriffen hatte.

Silvia: Also so spektakuläre Erinnerungen habe ich nicht. Schon gar nicht an meine Kindheit. Naja, und wenn, dann habe ich das damals sicherlich als einen Zufall, als Schicksal abgetan. Du weißt ja, dass ich zwar Taufe, Kommunion und Firmung ‚hinter mich gebracht habe‘, aber dass das nicht aus Überzeugung geschah, sondern eher weil man es eben macht, weil es dazu gehört. Auf jeden Fall nicht aus tiefem, überzeugten Glauben. Das ist ja erst viel später gekommen. Bei mir sind es eher Begegnungen mit Menschen, die – auch im Nachhinein betrachtet – besonders wurden. D.h. die ich auch heute erst, nachdem ich zu meinen Glauben zurückgefunden habe, als ein Eingreifen erkennen kann. Also zum Beispiel: Ich habe einen guten Freund, der auch schon mit meinen großen Brüdern befreundet war. Ich habe ihn kennengelernt, als ich auf noch Schülerin war. Kurz nachdem ich ihn kennengelernt hatte, brauchte ich für den Politikunterricht irgendwelche Unterlagen oder Infomaterial. Da er als Journalist bei einem Fernsehsender arbeitete, konnte er mir da einiges besorgen. Er meinte, ich solle die Unterlagen einfach bei ihm abholen. 2 Tage später bin ich zu diesem damals noch fremden Mann nach Hause gefahren und habe mir die Unterlagen abgeholt. Ich hatte von Anfang an keinerlei Bedenken, zu ihm nach Hause zu fahren und mich mit ihm in seiner Wohnung zu treffen, auch weil ich meinen Eltern gesagt hatte wohin ich fahre und wozu. Daraus hat sich eine Freundschaft entwickelt, die nun schon sehr lange hält, und die sich gefestigt hat, als es mir dann Jahre später sehr schlecht ging, hatte ich in ihm einen Menschen, dem ich mich anvertrauen konnte, der mir half und dadurch verhindert hat, dass ich einen großen Fehler machte und mir etwas antat, und der mir, so gut er konnte half, aus diesem Loch in dem ich steckte, heraus zu kommen. Wenn er nicht gewesen wäre, weiß ich nicht wo ich heute wäre.

P. Rainer: Ein Beispiel dafür, dass Jesus uns Menschen braucht, um anderen Menschen helfen zu können. Dein Freund musste ja sich und sein Menschsein zur Verfügung stellen, damit er durch ihn wirken konnte.

Silvia: Ich habe da noch ein anderes Beispiel, bei dem mir erst im Laufe der Zeit aufgegangen ist, dass Jesus eingegriffen hat. Im Grunde genommen ist es mein Weg nach Marienthal. Ein Weg voller ‚Zufälle‘ – so zumindest meine Meinung am Anfang. Hier nun meine ‚Zufallsgeschichte‘: Während einer Weiterbildung vor einigen Jahren in Berlin, lernte ich eine Frau kennen, die mir etwas über NLP – Neuro Linguistische Programmierung – erzählte und eine ‚vereinfachte‘ Art vorstellte. Ich habe mir also ein entsprechendes Heftchen gekauft und mir das mal durch gelesen, habe ein paar Übungen gemacht, und ich hatte gewisse Teilerfolge, allerdings nichts Nachhaltiges. Also habe ich mir ein ausführlicheres Buch gekauft und darin gelesen. Darin fand ich dann eine Stelle, in der es um Vergeben und Verzeihen ging, allen und jeden, sich selbst und Gott gegenüber. Da war ich bei einem Problem angekommen. Gewisse Dinge, die in meinem Leben passiert sind, habe ich damals Gott ‚vorgeworfen‘. Vergeben!? Verzeihen!? Jedem!? Ein Problem für mich. Nach einem langen (sehr langen) Kampf habe ich mich dann, erst mal per Mail, an den Pfarrer meiner Gemeinde gewandt und um ein Gespräch gebeten. Der hatte dann auch ‚zufällig‘ kurzfristig Zeit, und ich hatte ein erstes sehr gutes Gespräch mit ihm, für mich, der als Kind mit dem Pfarrer gedroht wurde, eine sehr positive Erfahrung, die mir Mut machte. Er gab mir zum Schluss unseres Gespräches ‚zufälligerweise‘ eine Bibel mit, damit ich mir da eine bestimmte Stelle mal durchlesen könnte. Ich habe dann also angefangen die Bibel zu lesen, und nicht nur die Stelle, die er mir nannte. Es ergaben sich weitere Gespräche., Irgendwann meinte er ich solle mal ein paar Tage eine Auszeit in einem Kloster machen und empfahl mir die Abtei St. Hildegard in Rüdesheim. Als ich mir dann das Kloster mal ansehen wollte fuhr ich in den Rheingau. Aber irgendwie kam ich nicht zur Abtei, ständig bin ich zwischen irgendwelche Fahrradfahrer oder Läufer eines Triathlon gekommen. Ich gab entnervt auf und war schon auf den Weg nach Hause, als ich ‚zufälligerweise‘ am Wegweiser nach Marienthal vorbeikam und mich, wieder ‚zufälligerweise‘, dazu entschloss dort hinzufahren. Als ich in Marienthal ankam, blieb ich gewissermaßen am Elsterbach hängen. Ich konnte an diesem Platz am Bach – dort, wo du immer im Sommer sonntags die Beichte hörst – innerlich zur Ruhe kommen. Ziemlich viele Zufälle, und die gehen noch weiter. Als ich dann wirklich die Auszeit antreten wollte, hat Marienthal mir ‚zufälligerweise‘ den früheren Termin genannt und nicht nur für ein oder zwei Tage, sondern für eine Woche. Also Zufälle über Zufälle. Heute, im Nachhinein ist mir klar geworden, dass das keine Zufälle waren, sondern dass Jesus hier eingegriffen hatte. Denn diese ‚Zufallsstory‘ ist ja damit noch lange nicht am Ende.

P. Rainer: Vieles können wir erst erkennen wenn wir einen gewissen Abstand zu den Dingen haben. Erst im Nachhinein fällt uns auf, wie Jesus uns hier geführt hat, so wie dich zu uns nach Marienthal. Manchmal sind es von außen gesehen nur kleine Dinge aber sie sind Meilensteine einer immer enger werdenden Bindung an Jesus. Es gibt auch direkte außerordentliche Ereignisse. Hier ein Beispiel, damit du es besser verstehen kannst: Aus schulischen Gründen schickten mich meine Eltern mit elf Jahren auf ein von Franziskanern geleitetes Internat nach Holland. Menschlich gesehen bedeutete das eine Katastrophe größten Ausmaßes für mich. Alles mir Vertraute war weg, ich war abgeschnitten von Eltern und Geschwistern, Tieren und Felder, Freunden und allem Gewohntem. Alles war fremd für mich. Monatelang hatte ich furchtbares Heimweh. Jeden Abend Lag ich stundenlang weinend im Bett. In diesem vielleicht vier Monaten dauernden Heimweh wuchs eine untrennbar enge Beziehung zu Jesus und Maria, einfach dadurch, dass Jesus und Maria für mich die einzigen waren, die mir vertraut und die mir geblieben waren. Tagsüber ging ich öfters in die Kapelle, um mit Jesus zu sprechen, abends im Bett betete ich lange Gebete zu Maria. Ich glaube nicht, dass ich ohne diese außerordentliche Begegnung mit Jesus und Maria während meines langen Heimwehs die Beziehung zu Jesus hätte, wie ich sie heute habe.

Silvia: Ich versteh was du meinst. Ich habe schon, bevor ich die Gespräche mit dem Pfarrer meiner Gemeinde hatte, mich immer wieder in die Kirche gesetzt, wenn ich mich innerlich unruhig fühlte. Und auch heute, sobald ich in der Kirche sitze und mit Jesus ‚rede‘, ihm von diesem und jenen ‚erzähle‘, mich über das ein oder andere ‚beschwere‘ oder einfach nur sage „Ich kann nicht mehr, bitte hilf mir“, komme ich innerlich zur Ruhe. Die unguten Gefühle hören auf, und ich kann etwas durchatmen und Abstand gewinnen. Danach geht es mir dann meistens besser. Aber das ist etwas, was ich erst ‚üben‘ musste.

P. Rainer: Es gibt auch manchmal Menschen, die einem dabei helfen, uns etwas vermitteln. Ich will dir ein Beispiel geben: Nach dem Abitur entschloss ich mich Franziskaner zu werden, weil ich spürte, dass Jesus das von mir wollte und ich sonst kein ruhiges Gewissen gehabt hätte. Der Weg ins Kloster fiel mir aber außerordentlich schwer. Ich fühlte mich im Kloster fremd und allein. In dieser Not begegnete mir Jesus durch einen Mitnovizen (das erste Jahr im Kloster nennt man Noviziat). Dieser verstand mich einerseits, andererseits erzählte er mir von seiner Enddeckung des Lebens nach dem Evangelium, besonders von der Liebe zum gekreuzigten und am Kreuz verlassenen Jesus. Das wandelte mich total um. Obwohl ich von meiner Natur her nie auf Menschen zuging, besuchte ich mit diesem Mitnovizen an den freien Nachmittagen alle Ausländer in der kleinen Stadt und jede Woche die Kranken im Krankenhaus, um das Wort Jesu zu leben: „Was ihr einem der Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan“. Mein Herz wurde weit und froh.
Es gibt einfach Situationen oder Menschen die unser Herz berühren, kennst Du das?

Silvia: Ich glaube schon. Bei meinem ersten Besuch hier in Marienthal, gab es einmal im Monat den Meditativen Gottesdienst in der Hauskapelle. Und genau zu der Zeit, als ich hier war, fand dieser Gottesdienst statt. Ich ging mit keiner großen oder besonderen Erwartung hin. Und es war im Großen und Ganzen ein ganz ‚normaler‘ Gottesdienst mit einer besonders schönen Atmosphäre, bis es dann am Schluss von dem Priester den ‚Einzelsegen‘ gab. Als der Priester mir nun seine Hände auf den Kopf legte und mir ein Kreuz auf die Stirn machte, hatte ich das Gefühl, dass ‚mein Herz berührt wurde‘. Es war ein warmes und angenehmes Gefühl in der Brust. Ich habe dieses Gefühl danach nie wieder gehabt.
Aber wie hängen diese Begegnungen mit meiner Bestimmung und vor allem mit Freiheit zusammen?

P. Rainer: Darüber reden wir nächstes Mal. Das ist für heute genug an Denkanstößen für unsere ‚Zuhörer‘, meinst Du nicht auch? Schließlich sollte sich jeder auch seine eigenen Gedanken darüber machen. Und dazu darf es nicht zu viel auf einmal werden.

Silvia: Weißt Du es wäre ja schon toll wenn die Leute die uns ‚zuhören‘ uns Ihre außergewöhnlichen Begegnungen mit Jesus erzählen würden. Ich glaube noch ein paar mehr Anregungen täten mir ganz gut, damit ich Jesus noch mehr in meinem Leben erkennen kann.

P. Rainer: Sicherlich, sie könnten uns zum Beispiel schreiben, einen Brief oder eine Mail? Wäre auch schon gespannt was unsere Zuhöre für Begegnungen mit Jesus hatten.

 

Adresse:          Franziskanerkloster Marienthal
                        z.H. Pater Rainer
                        Kloster Marienthal 1
                        65366 Geisenheim

E-Mail: marienthal@franziskaner.de

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